Die Anatomie eines Shitstorms: Strukturen und mikrokulturelle Wirkungen der Diffusion von Xenophobie

Christian Stegbauer

Abstract


In diesem Text werden Überlegungen zur Verbreitung von Shitstürmen an einem Beispiel von Anfang 2016 angesellt. Es handelt sich um einen Shitstorm auf das Freilichtmuseum „Hessenpark“ im hessischen Taunus, welches sich im Herbst 2015 entschlossen hatte, Asylbewerbern mit Betreuern freien Eintritt zu gewähren.

Im Beitrag werden drei unterschiedliche Bereiche auf Facebook (FB) analysiert. Auf der einen Seite findet sich das Forum, auf dem die Entrüstung aufgeladen wird. Es handelt sich um ein Forum, welches explizit der Anprangerung von Verfehlungen von Asylbewerbern und Ausländern dient. Es wird zu politischer Hetze von Xenophoben genutzt. Auf diesem Facebookforum wird klar kommuniziert, dass divergierende Meinungen ausgeschlossen werden. Die zweite Ebene der Auseinandersetzung findet im Facebookbereich des Entrüstungsziels (des Freilichtmuseums) statt. Obwohl dort die Verteidiger des Museums mit den Entrüsteten diskutieren, findet ebenfalls Ausschluss statt. Gründe hierfür sind, dass sich die Gegner der Preispolitik des Museums nicht an die dort gültigen Standards der Auseinandersetzung halten; weder inhaltlich, noch hinsichtlich der Formen. Hierdurch entsteht ebenfalls eine Meinungshomogenität.

Eine weitere Analyseebene sind die persönlichen Facebookseiten, auf die die Nachricht, welche den Shitstorm auslöste, in ziemlich großem Umfang weitergeleitet wurden. Auch hier sind Tendenzen zur Entstehung von homogenen Haltungen zu registrieren. Solche Weiterleitungen bestärken potentiell Reaktionen, indem sie zu einem Ketteneffekt (virale Verbreitung) führen oder die Aufregung im Sande verläuft.


Schlagworte


Shitstorm; Netzwerk; Strukturelle Analyse; Homophilie;

Volltext:

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