Online-Journalismus – Zur Verdatung öffentlicher Kommunikation

Florian Muhle, Josef Wehner

Abstract


Die umfassende Verdatung der Aktivitäten von Userinnen und Usern im Internet stellt ein wichtiges, wenn nicht zentrales Merkmal aktuellen medientechnologischen Wandels dar. Diese Entwicklung macht auch vor den traditionellen Massemedien nicht halt, die das Internet zu­nehmend als Ver­breitungsmedium nutzen und damit einhergehend auch die Mög­lich­­keiten der datenbasierten Echtzeit-Beo­bach­tung des Online-Publikums. Zahlreiche sozialwissenschaftliche Beobachter/-innen verbinden mit dieser Entwicklung einen zunehmenden Verfall von Öffentlichkeit, da sie zum einen zu einer weiteren Publikumsorientierung und Boulevardisierung der Nachrichtenberichterstattung und zum anderen zu einer immer präziseren Ansprache kleiner und weitgehend voneinander isolierter Teilzielgruppen führe.

Demgegenüber soll in dem Beitrag auf Grundlage von Expert/inneninterviews mit Vertreter/-innen verschiedener massenmedialer Organisationen und Analysen der Struk­tur der Internet-Angebote verschiedener massenmedialer Organisationen ein differenzierteres Bild des Journalismus und der Herstellung von Öffentlichkeit im Internet gezeichnet werden. Dieses stellt heraus, dass nach wie vor immer auch von redaktionellen Festlegungen und Praktiken abhängt, wie genau das Publikum beobachtet und die Angebotsgestaltung realisiert wird. Die neuen Mög­lich­keiten der Technologie be­gin­nen nicht einfach klassische journalistische Rele­vanz­systeme im Sinne einer im­mer stär­ker­en Publi­kums­orientierung zu konditionieren, sondern bleiben in ihren Potentialen teilweise ungenutzt und wer­den umgekehrt in bestehende journalistische Routinen ein­ge­passt.

Schlagworte


Algorithmen; Journalismus; Verdatung; Big Data

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