Die geschlossene Gesellschaft und ihre Feindinnen. Biographische Konstruktionen von politisch inhaftierten Frauen in der DDR

Frank Beier

Abstract


Der Staatssozialismus der DDR war seinem Anspruch nach hoch integrativ. Sozial-, bildungs- und wirtschaftspolitische Maßnahmen sollten die mangelnde Legitimität des SED-Regimes kompensieren. Insb. Frauen profitierten im hohen Maße von der Bildungs­expansion, den sich ausweitenden Frauenrechten, den Ausbau von Kinderbetreuungsein­richtungen, sowie dem Recht auf einen Arbeitsplatz. Zugleich blieben strukturelle Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen weiterhin bestehen. Zudem oszillierten diese sozial- und familienpolitischen Maßnahmen in einem für Diktaturen eigentümlichen Verhältnis von Zwang und Emanzipation. Das Lebenslaufregime der DDR ragte durch Wohnungspolitik, Bildungsdelegation, fiskalische Anreize (z.B. Kindergeld) und Steue­rung der Berufswahl enorm in die Biografien hinein. Ausgrenzung und Integration bildeten ein dialektisches Zwillingspaar.

So blieben trotz dieser integrativen Maßnahmen, verstärkt durch ein hoch affirmatives Bildungssystem, Republikflucht und ab Mitte der 70er-Jahre die Ausreisebewegung ein zentrales Problem des SED-Regimes, welches durch Verfolgung, Zersetzung und Inhaftie­rung handhabbar gemacht werden sollte. Doch wieso wirkten bei den Ausreisewilligen die integrativen Mechanismen des SED-Staates nicht und welche biographischen Konsequen­zen hatten die Repressionsmaßnahmen des MfS? An Hand einer biographietheoretischen Studie, in der ehemalig politisch inhaftierte Frauen aus der DDR interviewt wurden, können einige zentrale Befunde konstatiert werden: (1) Desintegrationsprozesse aus dem sozialstaatlichen Sicherungssystem lassen sich in aktiven Ausstiegsbewegungen, akziden­tellen Verlaufskurven und anomischen Schicksalsschlägen unterscheiden. (2) In den drei Formen lassen sich unterschiedliche Ausgrenzungs- und Desintegrationsprozesse konstatieren. (3) Reaktionen auf diese Ausgrenzungsmechanismen sind Wandlungsprozes­se, die neue Selbst-Welt-Verhältnisse erzeugen, die mit einem radikalen Bruch der DDR-Gesellschaft einhergehen. Es ergibt sich daraus die möglicherweise kontraintuitive These, dass es gerade die Inflexibilität und Allgegenwärtigkeit der sozialistischen Integrationsmechanismen war, die den alternativlosen Integrationszwang zu einer paradoxen Form der Ausgrenzung machen konnte. Dies wäre anhand einiger Fallbeispiele, deren Typus als ›Zusammenbruch der Normalbiographie‹ zu bezeichnen ist, zu zeigen.


Schlagworte


DDR; Politische Inhaftierung; Biografieforschung; Lebenslaufregime

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