Israel – Zur Dialektik einer offen-geschlossenen Gesellschaft

Moshe Zuckermann

Abstract


Wie relativ der Begriff ›geschlossene Gesellschaft‹ zu nehmen ist, lässt sich am Fall Israel mit besonderer Brisanz darstellen. Zwar handelt es sich dabei um einen spezifischen Sonderfall, aber die Koordinaten zur Analyse sind dieselben, die man im sozio-politischen ›Normalfall‹ anzuwenden hat. Verstanden hat sich der Zionismus als ein emanzipatives, von den europäischen Nationalstaatsbildungen im 19. Jahrhundert inspiriertes Projekt, welches angesichts des im Westen aufkommenden modernen Antisemitismus historisch notwendig wurde. Entsprechend agierte der Zionismus reaktiv in seiner Ausrichtung und seiner Bestrebung, das ›jüdische Problem‹ nationalstaatlich zu lösen. Das Modell hierzu war ihm das einer republikanischen Demokratie, eine Zeitlang mit sozialistischer bzw. sozialdemokratischer Einfärbung. Da nun aber den zionistischen Juden weder ein Territorium zur Errichtung eines Staates zur Verfügung stand noch eine soziologisch homogene Gruppe zur Besiedlung eines solchen Territoriums (Juden waren in vielen Ländern in Ost und West verstreut), musste es zur Kolonisierung des beanspruchten Landes (Palästina) und zur ideologisch betriebenen Einwanderung der Juden in das Territorium, auf dem der Staat errichtet werden sollte, kommen. Das Postulat der Einwanderung ging einher mit einer ideologisch propagierten Negation der Diaspora. Von Bedeutung war dabei stets, dass zur Einwanderung nur Juden vorgesehen waren. Die ersten Einwanderungswellen zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen aus Russland, dann aus Deutschland gefolgt von einer Welle der Holocaust-Überlebenden aus Europa. Die Einwanderungsbewegungen aus den arabischen Ländern (Jemen, Marokko, Irak) erfolgte erst in den 1950er Jahren, also nach der Staatsgründung. Infolge der Nakba (die Katastrophe der palästinensischen Bewohner des Landes im 1948er Krieg) verblieb im Kernland Israel eine arabische Minderheit, die bis heute etwa 15–20% der Bevölkerung im zionistischen Staat Israel ausmacht. Aus diesen historischen Grundvoraussetzungen leiten sich alle strukturellen Widersprüche des Landes gerade im Hinblick auf die Frage der Dynamik zwischen dem Selbstbild der israelischen Gesellschaft als einer ›offenen‹ und ihrer ideologisch verfestigten Realität einer sich ›verschließenden‹ bzw. ›einmauernden‹ Gesellschaft. Im Vortrag sollen die zentralen Konfliktachsen, die sich aus dieser Dynamik ergeben und die israelische Gesellschaft umtreiben, erörtert werden:

das Verhältnis von Juden und Arabern

das Verhältnis von aschkenasischen und orientalischen jüdischen Ethnien

das Verhältnis von religiösen und säkularen Juden (Staat und Religion)

das Verhältnis von Neueinwanderern und Alteingesessenen

das Verhältnis zum arabischen Umfeld

das Verhältnis zu Europa (Deutschland im besonderen)

Mitbedacht soll werden, wie sich diese prekäre Konstellation im Zeitalter eines globalisier­ten Kapitalismus auswirken muss.


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