Öffentliche Beschäftigung und öffentliche Güter – neue Dynamiken des Ein-und Ausschlusses

Karin Gottschall

Abstract


Öffentliche Beschäftigung und Dienstleistungserbringung fungieren seit den Anfängen moderner Staatlichkeit als wichtige Mechanismen des Ein-und Ausschlusses von Gesell­schaftsmitgliedern; sie schaffen kollektive Akteure und prägen Sozialstruktur und Geschlechterverhältnisse. Die Anfänge öffentlicher Beschäftigung im Obrigkeitsstaat des 19. Jahrhunderts waren besonders exklusiv: durch privilegierte, Männern vorbehaltene Beamtenbeschäftigung und einen Staat, der soziale Sicherung nur seinen Dienern zukommen ließ. Demgegenüber entwickelte sich die ›goldene Ära des Wohlfahrtsstaates‹ in westlichen Ländern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in doppelter Hinsicht als gesamtgesellschaftliches Inklusionsprojekt. Vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Prosperität wurden nicht nur soziale Sicherungssysteme ausgebaut und breiten Bevölke­rungsschichten Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen, Bildung und Schutz vor den Risiken abhängiger Beschäftigung gewährt. Die damit einhergehende Ausweitung öffentlicher Beschäftigung ermöglichte zugleich eine stärkere Integration von Frauen in Erwerbsarbeit und eröffnete auch geringer qualifizierten Beschäftigtengruppen im Vergleich zur Privatwirtschaft relativ gesicherte und gut entlohnte Erwerbsverläufe. Bekanntlich war jedoch nicht nur der Traum von der ›immerwährenden ökonomischen Prosperität‹, sondern auch vom expandierenden und inklusiven Sozialstaat ›kurz‹. Vor dem Hintergrund steigender Sozialausgaben und tendenziell sinkender Staatseinnahmen wurden seit den 1980er Jahren, unterstützt durch die Marktschaffungspolitik der EU nicht nur infrastrukturelle und sozialstaatliche Leistungen, sondern auch öffentliche Beschäfti­gung eingeschränkt und/oder stärker privatwirtschaftlichen Effizienzkriterien unterwor­fen. Ergebnisse unserer ländervergleichenden Studie zeigen, dass damit nicht nur die Einheitlichkeit und Vorbildfunktion öffentlicher Beschäftigung erodiert. Es entsteht auch eine neue Dynamik von Ein- und Ausschluss innerhalb des öffentlichen Sektors. Hier wie auch im Zugang zu den verstärkt nachgefragten öffentlichen Dienstleistungen treten erneut klassen- und geschlechtsspezifische Differenzierungen zutage, die den tradierten Mittelschichtsbias der ‚Dienstklassen‘ in neuem Licht erscheinen lassen.


Schlagworte


Dienstklassen; Beamtenprivilegien; Arbeitsmarktinklusion; Wohlfahrtsstaatsexpansion; Geschlecht

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