Wer ist lesbisch und schwul? Kritische Überlegungen zu sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität in gesundheitswissenschaftlichen Studien

  • Alex Müller University of Cape Town
Schlagworte: sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität, statistische Datenerhebung

Abstract

Sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität (SOGI) sind soziale Determinanten der psychischen und physischen Gesundheit von lesbischen, schwulen, bisexuellen und transgender* (LSBT*) Menschen, bedingt durch Marginalisierung, Diskriminierung und schlechteren Zugang zu gesundheitlicher Versorgung. Während aktuelle Forschung die empirische Grundlage für notwendige Interventionen in der Gesundheitsversorgung und Forschung darstellt, erklären die meisten Studien nicht, wie SOGI ihrer Teilnehmenden definiert und operationalisiert sind. Da SOGI als soziale Konstrukte stark von sozialen, historischen und geografischen Kontexten beeinflusst sind, ist diese Frage jedoch von entscheidender Bedeutung. LSBT* Identitäten sind kontextspezifisch und oftmals von Ort zu Ort umstritten. Was bedeutet dies für Studien zu SOGI-begründeten Ungleichheiten, insbesondere für Studien außerhalb europäisch oder amerikanisch geprägter Mehrheitsgesellschaften? In anderen Worten: Was messen wir, wenn wir SOGI messen, wen befragen wir – und wen nicht?

Anhand von empirischen Daten einer komparativen, quantitativen Studie zu SOGI-begründeten Ungleichheiten in der psychischen Gesundheit von LSBT* Menschen in Botswana, Kenia, Lesotho, Südafrika und Swasiland belegen wir Disparitäten in Gewalterfahrungen, Depression, Suizidalität und Substanzgebrauch. Weiterhin erarbeiten wir die Widersprüche des Versuches, LSBT* Identitäten in einer breit angelegten komparativen Gesundheitsstudie zu identifizieren. Die Komplexität in der Bestimmung von SOGI wirft Fragen darüber auf, wie gesundheitliche Ungleichheiten, die auf umstrittene sozialen Identitäten zurückzuführen sind, gemessen werden können. Dies ist besonders in postkolonialen Kontexten relevant, in denen sich das Eigenverständnis von SOGI zum Teil erheblich von westlichen Verständnissen unterscheidet. Ich argumentiere, dass der Operationalisierungsprozess von SOGI in Erhebungsfragen und Variablen – durch Sprache, Begriffe und Konzepte – unweigerlich abgrenzt, wer als LSBT* identifiziert und somit gezählt wird. Dies ist potentiell eine Einschränkung in Studien, die solche Kategorien als selbstverständlich und universell konzipieren. Abschließend diskutiere ich, ob die Spannung zwischen komplexen Identitäten und statistischen Erfassungskategorien in der gesundheitswissenschaftlichen Forschung zu SOGI-begründeten Ungleichheiten gelöst werden kann.

Literaturhinweise

Baral, Stefan. et al. 2009. HIV prevalence, risks for HIV infection, and human rights among men who have sex with men (MSM) in Malawi, Namibia, and Botswana. PloS One, 4: e4997.

Baral, Stefan et al. 2013. Worldwide burden of HIV in transgender women: A systematic review and meta-analysis. The Lancet Infectious Diseases 13:214–222.

Better, Alison und Brandy Simula. 2015. How and for whom does gender matter ? Rethinking the concept of sexual orientation. Sexualities 18:665–680.

Blondeel, K. et al. 2018. Violence motivated by perception of sexual orientation and gender identity: A systematic review. Bulletin of the World Health Organization 96:29–41.

Browne, Kath. 2008. Selling My Queer Soul or Queerying Quantitative Research ? Sociological Research Online 13:1–15.

Butler, Judith. 1990. Gender trouble: feminism and the subversion of identity. London: Routledge.

Eliason, Michele. 2014. Chronic physical health problems in sexual minority women: Review of the literature. LGBT Health 1:259–268.

Epprecht, Marc. 2004. Hungochani: The History of a Dissident Sexuality in Southern Africa. Montreal: McGill-Queen’s University Press.

Hatzenbuehler, Mark et al. 2014. Structural stigma and all-cause mortality in sexual minority populations. Social Science and Medicine 103:33–41.

Hughes, Tonda. 2005. Alcohol use and alcohol-related problems among lesbians and gay men. Annual Review of Nursing Research 23:283–325.

Müller, Alex. 2017. Scrambling for access: availability, accessibility, acceptability and quality of healthcare for lesbian, gay, bisexual and transgender people in South Africa. BMC International Health and Human Rights 17: 6.

Nemoto, Tooru, Bödeker, Birte und Iwamoto, Mariko. 2011. Social support, exposure to violence and transphobia, and correlates of depression among male-to-female transgender women with a history of sex work. American Journal of Public Health 101:1980–1988.

Plöderl, Martin und Pierre Tremblay. 2015. Mental health of sexual minorities. A systematic review. International Review of Psychiatry 27:367–385.

Poteat, Tonia et al. 2017. HIV prevalence and behavioral and psychosocial factors among transgender women and cisgender men who have sex with men in 8 African countries: A cross-sectional analysis. PLoS Medicine 14:1–17.

Sandfort, Theo et al. 2015. Histories of forced sex and health outcomes among Southern African lesbian and bisexual women: A cross-sectional study. BMC Women’s Health 15(1).

Seidman, S. 1997. Difference Troubles: Queering Social Theory and Sexual Politics. Cambridge: Cambridge University Press.

Veröffentlicht
2019-08-21
Zitationsvorschlag
[1]
Müller, A. 2019. Wer ist lesbisch und schwul? Kritische Überlegungen zu sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität in gesundheitswissenschaftlichen Studien. Nicole Burzan (Hg.) 2019: Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen. Verhandlungen des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Göttingen 2018. . 39, (Aug. 2019).
Rubrik
Sektion Medizin- und Gesundheitssoziologie: Aktuelle Beiträge zur Medizin- und Gesundheitssoziologie