Geschlechtsneutralität und/oder Vergeschlechtlichung von Organisationen?!

Mechanismen der Differenzierung in organisationssoziologischen Theorien

  • Melanie Roski Sozialforschungsstelle/TU Dortmund
Schlagworte: Gender, Organisation, Hochschule, Gleichstellungsorientierte Steuerung

Abstract

Der Zusammenhang von Geschlecht, Organisation und Arbeit wird gleichermaßen sowohl vielfach beleuchtet als oft nur unzureichend berücksichtigt. Inwieweit letzteres überhaupt notwendig ist, wird zumindest in Bezug auf organisationstheoretische Reflexionen nach wie vor kontrovers diskutiert. Sind Organisationen „lediglich“ Orte der (Re)Produktion von Geschlecht und daher als solche vordergründig (nur) für die Geschlechterforschung interessant? Oder ist das Aushandeln von Geschlecht für Organisationen gar so konstitutiv, dass es eine zentrale Dimension von Organisationen darstellt (Müller et al. 2013; Wilz 2008; Wilz 2004; Acker 1990; Riegraf 2017)? Letzteres erscheint angesichts der Tatsache, dass Organisationen als zentrale Schaltstelle für Stratifikationsprozesse auf dem Arbeitsmarkt fungieren (Schlamelcher 2011; Baron, Bielby 1980) zumindest nicht ausgeschlossen. Unter Berücksichtigung dieser Annahme ist eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den zentralen organisationssoziologischen Theorieansätzen und deren Anknüpfungspunkte für eine geschlechterdifferenzierende Betrachtung zwingend notwendig.

Der vorliegende Beitrag setzt an diesem Punkt an und betrachtet, wie in verschiedenen organisationssoziologischen Theorien bzw. Konzepten derartige Prozesse der Differenzbildung erfasst werden und welche Funktion sie in dem jeweiligen theoretischen Ansatz haben. Den Ausgangspunkt bilden dabei „klassische“ Organisationstheorien und deren vorherrschendes Verständnis der Organisation als rationales Gebilde. Im Anschluss daran wird auf Ansätze Bezug genommen, welche sich in erster Linie mit der Organisation als soziales System auseinandersetzen. Den Abschluss bilden Theorien, welche sich vornehmlich mit der Prägung der Organisation durch institutionelle Vorgaben aus ihrer Umwelt beschäftigen.  Die Geschlechterforschung kann an alle Ansätze in unterschiedlicher Weise anknüpfen. Wie dies aussehen kann, wird jeweils im Anschluss kurz unter Rückgriff auf ein Forschungsprojekt zur gleichstellungsorientierten Hochschulsteuerung und dessen Befunde illustriert.

Literaturhinweise

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Veröffentlicht
2019-08-05
Zitationsvorschlag
[1]
Roski, M. 2019. Geschlechtsneutralität und/oder Vergeschlechtlichung von Organisationen?!. Nicole Burzan (Hg.) 2019: Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen. Verhandlungen des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Göttingen 2018. . 39, (Aug. 2019).
Rubrik
Ad-Hoc: Geschlecht, Organisation und Arbeit. Komplexe Dynamiken – verengte Perspektiven?