Solutionismus, Transparenz oder kollektiver Narzissmus?

Der „Geist“ des digitalen Kapitalismus in the making

  • Susanne Draheim HAW Hamburg
  • Tilman Reitz Friedrich-Schiller-Universität Jena
Schlagworte: Digitale Transformation

Abstract

Luc Boltanskis und Ève Chiapellos Aufnahme des Gedankens von Sombart und Weber, dass jede Phase des Kapitalismus von einem spezifischen ‚Geist‘ getragen ist, lässt sich möglicherweise auch für eine Kultursoziologie des „digitalen Kapitalismus“ fruchtbar machen. Seine technologischen Neuerungen wälzen Organisationen um, rütteln an menschlichen Akteurspositionen und verlangen neue Rechtfertigungen. Als Bezugspunkt hierfür haben Oliver Nachtwey und Timo Seidl (2017) den „Solutionismus“ identifiziert, den Evgeny Morozov den Eliten der digitalen Wirtschaft (vorzugsweise im Silicon Valley) zuschreibt. Mit ihren Unternehmensideen beanspruchten diese Eliten zugleich die Wirtschaft disruptiv umzuwälzen und Menschheitsprobleme zu lösen. Nachtwey und Seidl verfolgen die „Polis der Solution“ in explorativen Inhaltsanalysen, die jedoch einige Schwächen aufweisen: Sie schließen von bloßen Selbstbeschreibungen auf eine gelebte Kultur; der Kernbegriff Solution‘ ist ad hoc einer populären Kritik entnommen; Alternativen wie etwa die sharing economy oder neue Leistungs(messungs)gerechtigkeit werden nicht geprüft. Wir schlagen eine alternative Analyse des digitalen Kapitalismus als kultureller Praxis vor. Prägend erscheinen uns hier vor allem Verschiebungen in der gelebten Ethik: Neben neuer Reichtumskonzentration verändern vor allem die massenhafte Verfügbarkeit und zentralisierte Nutzung von Daten Handlungsnormen und schaffen Rechtfertigungsbedarf. Diverse Beteiligte müssen zu akzeptieren lernen, dass sie permanent beobachtet, Kennzahlen folgend behandelt und als profitable Datenquelle genutzt werden. Alles dies lässt sich nicht nur durch technische Lösungsversprechen rechtfertigen, sondern auch durch Appelle zu Datenteilung bzw. Transparenz oder die Ansprache von Selbstwirksamkeit – die im Medium der Daten feinkörnig wie nie zuvor angeregt wird. Anhand von Laborprojekten an der HAW Hamburg können diese möglichen Deutungsangebote konkret untersucht werden.  Die Analyse soll erste Aufschlüsse darüber geben, welche Prinzipien die Akzeptanzgrenzen im digitalen Kapitalismus verschieben, ihm Motivationsquellen erschließen und ihn insgesamt als gelebte Kultur einrichten könnten.

Literaturhinweise

Boes, Andreas, Tobias Kämpf, Barbara Langes und Thomas Lühr. 2018. ‘Lean’ und ‘agil’ im Büro. Neue Organisationskonzepte in der digitalen Transformation und ihre Folgen für die Angestellten. Berlin: Transcript Verlag.

Boltanski, Luc und Ève Chiapello. 2003. Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK.

Bröckling, Ulrich. 2007. Das unternehmerische Selbst: Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Dunne, Anthony. 1999. Hertzian tales: electronic products, aesthetic experience and critical design. London: Royal College of Art computer related design research studio. MIT Press.

Duttweiler, Stefanie, Robert Gugutzer, Jan-Hendrik Passoth und Jörg Strübing. 2016. Leben nach Zahlen. Self- Tracking als Optimierungsprojekt? Bielefeld: Transcript.

Elder-Vass, Dave. 2016. Profit and Gift in the Digital Economy. Cambridge: Cambridge University Press.

Gawer, Isabelle und Michael A. Cusumano. 2002. Platform Leadership. How Intel, Microsoft and Cisco Drive Industry Innovation. Boston/Mass: Harvard University Press.

Jessop, Bob. 2007. Knowledge as a Fictitious Commodity: Insights and Limits of a Polanyian Perspective. In Reading Karl Polanyi for the Twenty-First Century, Hrsg. A. Bugra und K. Agartan, 115–134. Basingstoke: Palgrave Macmillan.

Kucklick, Christoph. 2014. Die granulare Gesellschaft: Wie das Digitale unsere Wirklichkeit auflöst. Berlin: Ullstein.

Labor Creative Space for Technical Innovations, HAW Hamburg: https://csti.haw-hamburg.de/ (Zugegriffen am: 31.01.2019)

Lezaun, Javier und Catherine M. Montgomery. 2015. The Pharmaceutical Commons: Sharing and Exclusion in Global Health Drug Development, Science, Technology, & Human Values 40(1):3–29.

Lupton, Deborah. 2016. The Quantified Self. A Sociology of Self-Tracking. Cambridge: Polity Press.

Mason, Paul. 2015. Postkapitalismus: Grundzüge einer kommenden Ökonomie. Berlin: Suhrkamp.

Mau, Steffen. 2017. Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen. Berlin: Suhrkamp.

Mazzucato, Mariana. 2013. The Entrepreneurial State. Debunking Public vs. Private Sector Myths. London et al.: Anthem Press.

Morozov, Evgeny. 2013. To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism. New York: PublicAffairs.

Nachtwey, Oliver und Timo Seidl. 2017. Die Ethik der Solution und der Geist des digitalen Kapitalismus. IFS WORKING PAPER #11, Institut für Sozialforschung, Frankfurt/M. Online: http://www.ifs.uni-frankfurt.de/wp-content/uploads/IfS-WP-11.pdf. (Zugegriffen am: 31.01.2019)

Negri, Antonio und Michael Hardt. 2009. Commonwealth. Cambridge/Mass: Harvard University Press.

Raby, F. 2001. Design Noir: The Secret Life of Electronic Objects. Basel: Birkhauser.

Sombart, Werner. 1902. Der moderne Kapitalismus. Bd. 1, Die Genesis des Kapitalismus. Leipzig: Duncker & Humblot.

Srnicek, Nick. 2017. Platform Capitalism. Oxford: Oxford University Press.

Staab, Philipp. 2016. Falsche Versprechen. Wachstum im digitalen Kapitalismus. Hamburg: Hamburger Edition, HIS.

Stiglitz, Joseph. 1999. Knowledge as a Global Public Good. In Global Public Goods: International Cooperation in the 21st Century, Hrsg. I. Kaul, I. Grunberg und M. A. Stern, 308–325. Oxford. Published to Oxford Scholarship Online: November 2003. DOI: 10.1093/0195130529.001.0001

Sunder Rajan, Kaushik. 2006. Biocapital. The Constitution of Postgenomic Life. Durham, London: Duke University Press.

Tapscott, Don und Anthony D. Williams. 2006. Wikinomics. How Mass Collaboration Changes Everything. New York: Portfolio/Penguin Group .

Turkle, Sherry. 2011. Alone Together. Why We Expect More from Technology and Less from Each Other. New York: Basic Books.

Varian, Hal und Carl A. Shapiro. 1999. Information Rules. A Strategic Guide to the Network Economy. Boston/Mass: Harvard Business School Press.

Vormbusch, Uwe. 2015. Taxonomien des Selbst. Zur Hervorbringung subjektbezogener Bewertungsordnungen im Kontext ökonomischer und kultureller Unsicherheit. In Leben nach Zahlen, Hrsg. Stefanie Duttweiler et al. 45–62. Bielefeld: Transcript Verlag.

Veröffentlicht
2019-08-01
Zitationsvorschlag
[1]
Draheim, S. und Reitz, T. 2019. Solutionismus, Transparenz oder kollektiver Narzissmus?. Nicole Burzan (Hg.) 2019: Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen. Verhandlungen des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Göttingen 2018. . 39, (Aug. 2019).
Rubrik
Sektion Kultursoziologie: Kulturelle Medien gesellschaftlicher Transformation