Die Evaluation von Migrationspolitiken mittels Lebensgeschichten von Migrant*innen

Das deutsch-französische Projekt MIGREVAL

  • Darja Klingenberg Institut für Soziologie , Goethe Universität Frankfurt
  • Christoph Schwarz Universität Marburg
  • Lena Inowlocki Frankfurt University of Applied Science
  • Ursula Apitzsch Institut für Soziologie , Goethe Universität Frankfurt
  • Elise Pape Maison Interuniversitaire des Sciences de l'Homme – Alsace, Universität Strasbourg
  • Janina Glaeser Goethe Universität Frankfurt
Schlagworte: biographical policy analysis, Migrationspolitik, Migration, Cultural Citizenship, Professionalisierung, HipHop, Jugendkultur, Tageselternschaft, Care-Arbeit, Generation, Gender

Abstract

Das Projekt MIGREVAL, ein Kooperationsprojekt zwischen den Unis Strasbourg und Frankfurt am Main, baut derzeit eine digitale Datenbank auf, in der bereits über 70 Lebensgeschichten von Migrant*innen aus verschiedenen Ländern in beiden Kontexten gespeichert sind. Ziel ist eine biographische Policy-Evaluation von Migrationspolitiken in Frankreich und Deutschland anhand der Frage, wie sich welche politischen Entscheidungen und Maßnahmen auf Makro-Ebene auf die Biographien und Familiengeschichten ausgewirkt haben.
Lebens- und Familiengeschichten bieten sich dazu besonders an, da sie zum einen die Rekonstruktion sozialer Prozesse in ihrer Tiefendimension erlauben, zum anderen besonders lange Zeiträume abdecken und es erlauben, Langzeitfolgen in den Blick zu nehmen. Eine so umfassende Datenbank erlaubt darüber hinaus, „in die Breite zu gehen“ und sehr unterschiedliche Flucht- und Migrationsprozesse in ihrem historisch-gesellschaftlichen Hintergrund zu erfassen und zu kontrastieren.
Dabei kommt notwendigerweise den Kategorien „Generation“ und „Gender“ zentrale Bedeutung zu, etwa beim Fokus auf die Aushandlungsprozesse zwischen Generationen und die Handlungsstrategien von Subjekten im familiären Zusammenhang. Der Ansatz der Biographieforschung ermöglicht es, Generationenverhältnisse in ihren psychosozialen Dynamiken, in ihrem materiellen Austausch und ihrer „Generationenlagerung“, also in ihrer spezifischen zeitgeschichtlichen Lage zu untersuchen und zu begreifen, wie Individuen auf einschneidende gesellschaftliche Veränderungen, politische Veränderungen und Maßnahmen reagieren und diesen auch Widerstand entgegensetzen, inwiefern sie auf institutionelle Unterstützung zurückgreifen können, und wie dies gerade im intergenerationellen Verhältnis geschieht.
Wir möchten die biographische Bedeutung der Kategorien von „Generation“ und „Gender“ an verschiedenen Fällen aus unserer Datenbank exemplifizieren. Dabei möchten wir die besondere Rolle von Biographischer Policy Evaluation bei der Entstehung und Überwindung von biographischen Verlaufskurven thematisieren und erste Elemente eines an den Fallstudien gewonnenen theoretischen Modells skizzieren.

Literaturhinweise

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Veröffentlicht
2019-10-23
Zitationsvorschlag
[1]
Klingenberg, D., Schwarz, C., Inowlocki, L., Apitzsch, U., Pape, E. und Glaeser, J. 2019. Die Evaluation von Migrationspolitiken mittels Lebensgeschichten von Migrant*innen. Nicole Burzan (Hg.) 2019: Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen. Verhandlungen des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Göttingen 2018. . 39, (Okt. 2019).
Rubrik
Sektion Biographieforschung: Flucht und Migration: Einsichten der Biographieforschung