Bildungsaufstiege

Wie ungewöhnlicher Erfolg in Strukturen eingebettet ist, die ihn eigentlich verhindern

  • Antonia Kupfer TU Dresden
Schlagworte: Bildungsaufstiege, sozialer Wandel, Großbritannien, Österreich, soziale Mobilität

Abstract

Nach jahrzehntelanger Erforschung der Diskriminierungen, Barrieren und Schwierigkeiten, die Angehörige unterer sozialer Herkunft in Bildungssystemen und vor allem höheren Bildungsinstitutionen und –gängen erleiden und erfahren, schwenkte in den letzten Jahren die Forschung im Bereich der Bildungsungleichheiten zu den so genannten Bildungsaufsteigern_innen. Damit sind Menschen gemeint, die es geschafft haben, hohe Bildungsabschlüsse zu erwerben, obwohl sie aus unterer sozialer Herkunft stammen und damit auch (oder gerade) in Zeiten der Bildungsexpansion nach wie vor geringere Chancen als Angehörige mittlerer und höherer sozialer Herkunft besitzen. Dabei ist dieses Phänomen nicht neu. Es gab schon immer hier und da Ausnahmen, also Bauern- und Arbeiterkinder (fast ausschließlich –söhne), die erfolgreich an Universitäten studierten und damit sozial aufwärtsmobil waren. Wie ist dieses Phänomen zu erklären? Entgegen der Lesart „solche ungewöhnlichen Erfolge als Vorboten des sozialen Wandels und des Abbaus sozialer Ungleichheiten“ (Call der Ad-hoc Gruppe) zu betrachten, zeigt Kupfer (2015) anhand der Rekonstruktion biographisch-narrativer Interviews mit Bildungsaufsteiger_innen (geboren zwischen 1928 und 1978) aus England und Österreich, wie die Bildungsaufstiege in Strukturen eingebettet sind, die sie be- und manchmal fast verhindert haben. Nur in Zeiten ausdrücklicher bildungspolitischer Förderung von Arbeiterkindern (z.B. in der Kreisky-Ära in den 1970er Jahren in Österreich) verliefen die Bildungsaufstiege „wie geschmiert“. Anhand des empirischen Materials wird zeigt, welche Denk- und Wahrnehmungsweisen, Sozialisationsformen und Praktiken einer enormen Bandbreite an unterschiedlichen Milieus in zwei verschiedenen Ländern über einen Zeitraum von fünfzig Jahren zu welchen Wegen der sozialen Aufwärtsmobilität geführt haben. Die Vielfalt der Wege steht in einem Kontrast zur relativen Begrenzung der Höhe des Aufstiegs. Damit wird insgesamt deutlich, dass ungewöhnliche Erfolge bislang eben gerade nicht zu einem Abbau sozialer Ungleichheiten geführt haben und aktuelle gesellschaftliche Veränderungen keinerlei Anzeichen für eine zukünftig egalitärere Gesellschaft erkennen lassen.

Literaturhinweise

Bourdieu, Pierre. 1982 [1979]. Die feinen Unterschiede. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr. 1999. Materialien zur sozialen Lage der Studierenden. https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXI/III/III_00016/imfname_507056.pdf (Zugegriffen: 19. September 2018).

Egerton, Muriel und A. H. Halsey. 1993. Trends by social class and gender in access to higher education in Britain. Oxford Review of Education 19: 183-196.

Geißler, Rainer. 2014. Die Sozialstruktur Deutschlands. Wiesbaden: Springer.

Henning, Friedrich-Wilhelm. 2013. Handbuch der Wirtschafts- und Sozialgeschichte Deutschlands. Paderborn u.a.: Ferdinand Schöningh Verlag.

Kreckel, Reinhard. 1992. Politische Soziologie der sozialen Ungleichheit. Frankfurt am Main und New York: Campus.

Kröger, Melanie. 2006. Die Modernisierung der Landwirtschaft. Eine vergleichende Untersuchung der Agrarpolitik in Deutschland und Österreich nach 1945. Berlin: Logos Verlag.

Kupfer, Antonia. 2015. Educational upward mobility. Practices of social changes. Basingstoke: Palgrave Macmillan.

Moser, Josef. 1995. Oberösterreichische Wirtschaft 1938 bis 1945. Wien: Böhlau.

Prenner, Peter, Elisabeth Scheibelhofer, Regine Wieser und Karin Steiner. 2000. Qualifikation und Erwerbstätigkeit von Frauen 1979–2000 in Österreich, Studie im Auftrag der Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien.

Rosenthal, Gabriele. 2008. Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung. Weinheim und München: Juventa.

Rumble, Greville. 1982. The Open University of the United Kingdom. An evaluation of an innovative experience in the democratization of higher education. Open University’s Distance Education Research Group Papers 6.

Strasser, Hermann und Susan Randall. 1979. Einführung in die Theorien des sozialen Wandels. Darmstadt und Neuwied: Hermann Luchterhand Verlag.

Thamer, Hans-Ulrich. 2005. Wirtschaft und Gesellschaft unterm Hakenkreuz, Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-nationalsozialismus/39551/wirtschaft-und-gesellschaft?p=all (Zugegriffen 4. September 2018).

Veröffentlicht
2019-07-15
Zitationsvorschlag
[1]
Kupfer, A. 2019. Bildungsaufstiege. Nicole Burzan (Hg.) 2019: Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen. Verhandlungen des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Göttingen 2018. . 39, (Juli 2019).
Rubrik
Ad-Hoc: Against the Odds: Soziologie des ungewöhnlichen Erfolgs