Gesellschaftskritik und bürgerliche Kälte

  • Andreas Stückler
Schlagworte: Gesellschaftskritik, Kritische Theorie, Soziologische Kritik, Bürgerliche Kälte

Abstract

Es ist eine der großen, zwischen nüchtern-empirischer und betont gesellschaftskritischer Soziologie jedoch weitgehend vernachlässigten Paradoxien bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaften, dass sich trotz eines noch nie da gewesenen Ausmaßes kritischer Einsprüche und Interventionen gegen gesellschaftliche Missstände die so viel kritisierten gesellschaftlichen Verhältnisse erstaunlich reibungslos und nahezu ungebrochen zu reproduzieren vermögen. Mit eben diesem Sachverhalt möchte sich der vorliegende Beitrag auseinandersetzen. Die dabei vertretene These lautet, dass dieser Widerspruch gesellschaftskritischer Praxis in der Struktur und der Dynamik von Gesellschaftskritik selbst begründet liegt, und zwar insofern, als Kritik sich stets innerhalb eines, die bürgerliche Subjektivität maßgeblich bestimmenden Spannungsfeldes zwischen Anpassung und Widerstand artikuliert. Mithilfe des aus der klassischen Kritischen Theorie kommenden Konzepts der »bürgerlichen Kälte« soll dieses paradoxe Phänomen näher beleuchtet und dabei auch Konsequenzen für eine kritische Praxis diskutiert werden, die nicht länger an ihren eigenen kritischen Ansprüchen scheitert.

 

It is one of the paradoxes of capitalist society that in spite of an unprecedented extent of social criticism reached in present days, the societal conditions criticised are able to reproduce virtually unabated and with surprising ease. This fact being widely neglected both by matter-of-fact empirical and explicitly critical sociology is to be discussed in the present contribution. The hypothesis advocated here states that this paradox of critical practice is due to the structure and the dynamic of social criticism itself – in the sense that critique is always articulated within a tension field between adjustment and resistance, substantially determining civic subjectivity. Using the concept of »bürgerliche Kälte« (»bourgeois coldness«) from Critical Theory, this contradictory phenomenon is to be examined and its consequences to be discussed – for a social critique which no longer fails on its own critical claims.

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Veröffentlicht
2014-07-01