Ein neues Verhältnis von Umwelt und Gesellschaft durch alternative Lebens- und Arbeitsformen?

  • Birgit Peuker FU Berlin
Schlagworte: Soziale Bewegungen, Umweltsoziologie, Nachhaltigkeit

Abstract

Der Mensch schafft sich durch sein Tätigsein, seine Umwelt. Dies hat die sozial-ökologische Forschung in Rückgriff auf die sozial-konstruktivistische Technikforschung herausgestellt. Jedoch ist nicht nur von Bedeutung, was das Produkt dieser Tätigkeit ist, sondern auch, wie diese Tätigkeit organisiert ist. In modernen Gesellschaften ist das Tätigsein durch die Lohnarbeit in hierarchischen Arbeitsorganisationen gekennzeichnet.  Das vorherrschende Verhältnis von Umwelt und Gesellschaft ergibt sich damit im Zusammenspiel großer technischer Systeme (GTS).

Der Beitrag zeichnet nach, wie Alternativen zum dominierenden Verhältnis von Umwelt und Gesellschaft entstehen können und welche gesellschaftlichen Bedingungen sie haben. Alternative Lebens- und Arbeitsformen werden seit Beginn der Industrialisierung zunächst in der Lebensreformbewegung gesehen, dann in den selbstverwalteten Betriebe der 1980er Jahre verortet und bis zu den Nachhaltigkeitsakteuren offener Werkstätten und urbaner Gärten weiterverfolgt.

Diskutiert wird, welche Organisation von Arbeit von den Akteuren anvisiert und welcher Umweltbezug dabei mitgedacht wird. Oftmals handelt es sich um kooperative Organisationsformen mit partizipativen Elementen oder flachen Hierarchien, die eine höhere Umweltsensibilität ermöglichen sollen. Der Beitrag argumentiert, dass die transformative Kraft alternativer Lebens- und Arbeitsformen in den Werten von Selbstbestimmung und Umweltsensibilität liegt, die sie nicht oder nur ungenügend in der Industriegesellschaft verwirklicht sehen. Es bleibt offen, ob alternative Lebens- und Arbeitsformen mehr sind, als eine systemstabilisierende Ergänzung oder den Keim einer sozial-ökologischen Gesellschaft in sich tragen.

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Veröffentlicht
2021-08-12
Rubrik
Sektion Umweltsoziologie: Arbeit in der sozial-ökologischen Transformation – eine Herausforderung für die Umweltsoziologie?