Wer gehörte zur „Allianz der Schmuddelkinder“?

Ein- und Ausschlüsse von Migrant*innen in HIV-Organisationen

  • Dimitra Kostimpas Ludwig-Maximilians-Universität München
  • Hella von Unger Ludwig-Maximilians-Universität München
Schlagworte: Migration, Diversität, Zivilgesellschaftliche Organisationen, HIV/Aids, organisationaler Wandel, Aidshilfe, Organisationssoziologie

Abstract

Die Kernfragen dieses Beitrags lauten: Wie wurden Migrant*innen Teil von Aidshilfe-Organisationen, welche Inklusions- und Exklusionsprozesse können in diesem Kontext identifiziert werden und wie vollzog sich dabei die spezifische Organisationsgeschichte und -identität? Die Deutsche Aidshilfe e.V. vereint seit ihrer Gründung 1983 verschiedene, von HIV und Aids besonders betroffene Gruppen: zunächst hauptsächlich schwule und bisexuelle Männer, bald auch Drogengebrauchende und Sexarbeiter*innen. Dieses Bündnis wurde in der Organisation selbstironisch und selbstbewusst auch als „Allianz der Schmuddelkinder“ bezeichnet - im Sinne einer Aneignungsstrategie und politischen Solidarisierung unterschiedlich mehrfach-stigmatisierter Gruppen. Anhand dieser Selbstbezeichnung wird die Frage aufgeworfen, inwiefern Migrant*innen Teil dieses Bündnisses waren bzw. wurden.

Im Rahmen des BMBF-geförderten Projekts „Zivilgesellschaftliche Organisationen und die Herausforderungen von Migration und Diversität: Agents of change“ (ZOMiDi; 2018-2021) wurde im Teilprojekt Gesundheit/HIV eine Organisationsstudie in der Deutschen Aidshilfe e.V. (DAH) mithilfe qualitativer Datenerhebungsverfahren durchgeführt. Die Analyse zeigt eine dynamische Geschichte der Ein- und Ausschlüsse von Migrant*innen. Insbesondere in den 1980er und 1990er Jahren, in denen der Begriff der „Allianz der Schmuddelkinder“ geprägt wurde, lassen sich gegenläufige und teils widersprüchliche Entwicklungen feststellen. Seit den 2000er Jahren fand eine umkämpfte, aber kontinuierliche Entwicklung hin zu mehr Inklusion statt. Hieran anschließend wird diskutiert, welche Bedingungen die Veränderungen und Öffnungsprozesse ermöglicht haben. 

Literaturhinweise

Bänziger, Peter-Paul. 2010. Konstellationen und Koalitionen im Sprechen über Aids in den 1980er Jahren. In Diskursiver Wandel, Hrsg. Achim Landwehr, 31–51. Wiesbaden: Springer VS.

Bänziger, Peter-Paul. 2015. ExpertInnen statt AktivistInnen: Der Entpolitisierungsdiskurs in der Aids-Arbeit der 1980er Jahre. In Zeitgeschichte des Selbst. Therapeutisierung - Politisierung - Emotionalisierung. Hrsg. Pascal Eitler und Jens Elberfeld, 261–278. Bielefeld: transcript.

Breuer, Franz, Petra Muckel und Barbara Dieris. 2018. Reflexive Grounded Theory. Eine Einführung für die Forschungspraxis. Wiesbaden: Springer.

Clarke, Adele E., Carrie Friese und Rachel S. Washburn. 2018. Situational Analysis. Grounded Theory After the Interpretive Turn. Los Angeles: SAGE.

Deutsche AIDS-Hilfe (DAH). 2008. Jahrbuch 2007/2008 der Deutschen AIDS-Hilfe e.V.

Dobbin, Frank, Soohan Kim und Alexandra Kalev. 2011. You Can’t Always Get What You Need. Organizational Determinants of Diversity Programs. American Sociological Review 76:386–411.

Drewes, Jochen, und Holger Sweers (Hrsg.). 2010. Strukturelle Prävention und Gesundheitsförderung im Kontext von HIV. AIDS-FORUM DAH. Berlin: Deutsche AIDS-Hilfe e.V.

Ewing, Christopher. 2020. Highly affected groups: Gay men and racial others in West Germany’s AIDS epidemic, 1981–1992. Sexualities 23:201–223.

Hauschild, Hans-Peter. 1988. Theaterplatz. In Solidarität der Uneinsichtigen. Aktionstag 9. Juli 1988 Frankfurt a.M. Eine Dokumentation der Reden. AIDS-FORUM D.A.H., Hrsg. Deutsche AIDS-Hilfe (DAH), 17–19. Berlin: Deutsche AIDS-Hilfe e.V.

Kleres, Jochen. 2018. The Social Organization of Disease. Emotions and Civic Action. New York: Routledge.

Muluneh, Aemero, und Aderajew Waka. 1999. Afrikanische Communites in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme zur Entwicklung eines kulturspezifischen Konzepts für die HIV- und AIDS-Prävention. Berlin: Deutsche AIDS-Hilfe e.V.; VIA-Regionalverband Berlin-Brandenburg.

Pieper, Kajo, und Guido Vael. 1993. Die AIDS-Hilfe – ein historischer Abriss. In 10 Jahre Deutsche Aids-Hilfe. Sonderband. Geschichten und Geschichte. AIDS-FORUM DAH, Hrsg. Deutsche AIDS-Hilfe (DAH), 25–32. Berlin: Deutsche AIDS-Hilfe e.V.

Stainback, Kevin, Donald Tomaskovic-Devey und Sheryl Skaggs. 2010. Organizational Approaches to Inequality. Inertia, Relative Power, and Environments. Annual Review of Sociology 36:225–247.

Strübing, Jörg. 2014. Grounded Theory. Zur sozialtheoretischen und epistemologischen Fundierung eines pragmatistischen Forschungsstils. Wiesbaden: Springer VS.

Wilson, Ciann L., Sarah Flicker, Jean-Paul Restoule und Ellis Furman. 2016. Narratives of resistance: (Re) Telling the story of the HIV/AIDS movement – Because the lives and legacies of Black, Indigenous, and People of Colour communities depend on it. Health Tomorrow 4:1–35.

Veröffentlicht
2021-09-13
Rubrik
Ad-hoc: Organisationen unter Spannung – Migration, Diversität und organisationaler Wandel