Theorie-informierte Akteur*innen als Herausforderung für qualitative Verfahren

  • Guy Schwegler Universität Luzern
Schlagworte: Methodologie, Interviews, Sozialforschung, Epistemologie, qualitativ, Performativität

Abstract

Der Beitrag möchte eine methodologische Herausforderung präsentieren für Leitfaden-Interviews und vergleichbare Techniken der qualitativen Sozialforschung. Die Herausforderung betrifft den Umgang mit Theorie-informierten Akteur*innen bei der Datenerhebung und den daraus folgenden Analysen. Als Resultat von gesellschaftlichen Entwicklungen (u.a. Bildungsexpansion) treten mehr und mehr Interviewsituationen auf, in denen Forschende mit explizit theoretisch informierten Akteur*innen konfrontiert sind. Das heißt, es müssen Personen ‚beforscht‘ werden, die über dieselben oder ähnliche kultur- und sozialwissenschaftliche Theorie-Ressourcen verfügen wie die oder der Forschende. Diese Situation stellt gewisse Vorstellungen von Sozialforschung in Frage, etwa davon was nun genau ‚empirische‘ Daten sind oder ab wann von Experteninterviews gesprochen werden kann. Methodologisch nochmals radikaler formuliert wird aber die Frage danach gestellt, wer über die ‚Interpretationshoheit‘ und die ‚Deutungshoheit‘ verfügt, wenn nicht mehr nur die Forschenden über Theoriekompetenzen für die Auswertung und Interpretation verfügen. Der Beitrag soll methodologischen Prämissen für den Umgang mit dieser Herausforderung aufzeigen und auch konkretere Techniken für Interviews und anschließende Analysen präsentieren. So werden auf der einen Seite Debatten um Grundlagenprobleme der verbreiteten qualitativen Methodologien aufgenommen: etwa um einen zunehmenden „theorielosen Empirismus“ von Ansätzen oder um die Möglichkeit, wie Theorie-Induzierung genau erfolgt („theoretische Empirie“). Auf der anderen Seite wird auch ein weiterer Blick auf gesellschaftliche Herausforderung gelenkt, die genauso für qualitative wie für quantitative Ansätzen gelten: Es erfolgt nämlich nicht nur eine Reifikation der verschiedenen Methoden in der Gesellschaft, sondern auch eine Performativität von theoretischen Konzepten und der damit verbundenen Denkweisen der Sozialforschung.

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Veröffentlicht
2021-09-06
Rubrik
Ad-hoc: Sozialforschung in der Kritik und in der Krise – Soziologische Perspektiven auf und für Methodologien im Wandel