Kategorisierungspraktiken in der Extremismusprävention

  • Yannik Porsché Universität der Bundeswehr München
Schlagworte: Kategorisierung, Extremismus, Prävention, Radikalisierung, Studies of Work, Geflüchtete

Abstract

Das institutionelle Format pädagogischer Schulungen zur universellen Extremismusprävention birgt das Versprechen, einem Anstieg verschiedener Arten von Extremismus mittels zielgerichteter Interventionen zu begegnen. Ich untersuche, wie eine NGO in Zusammenarbeit mit der Polizei in einem dreistündigen Spiel Radikalisierungsprozesse in Schulklassen simuliert. In einer Reflexion des Spiels erklärt die NGO die Mechanismen der Radikalisierung mit dem Ziel, die Resilienz von Teilnehmenden gegen Radikalisierung im realen Leben zu stärken. Im Zentrum dieses Beitrags steht die Frage, welche Menschen die NGO als „Risikopersonen“ kategorisiert und wie die Präventionsmaßnahme unterschiedliche Zielgruppen beeinflussen soll. Auf theoretischer Ebene schlage ich vor, dass eine konstruktivistisch-ethnomethodologische Perspektive auf die (Re-)Kategorisierung von Menschen durch Institutionen gewinnbringend um die eines undogmatischen Realismus ergänzt werden kann. Methoden der Ethnographie und Interaktionsanalyse machen sichtbar, wie die NGO die für in Deutschland aufgewachsene Schüler:innen konzipierte Präventionsmaßnahme im Spiel mit Geflüchteten anpasst. Die NGO berücksichtigt die Erfahrungen der Geflüchteten und modifiziert die Maßnahme von einem ursprünglichen Fokus darauf, Extremismus zu bekämpfen, indem sie Teilnehmende irritieren, zu Bemühungen, Extremismus zu bekämpfen, indem sie sie integrieren. In diesem Beitrag diskutiere ich, inwieweit das Design und die späteren Anpassungen der Präventionsmaßnahme miteinander kompatibel sind und wie Präventionsarbeit in Erwartungen verstrickt ist, eine standardisierte, „weiche“ und schnelle Lösung für komplexe und dynamische gesellschaftliche Probleme zu bieten.

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Veröffentlicht
2021-09-27
Rubrik
Sektion Soziale Probleme und soziale Kontrolle: Die Logik des Verdachts I. Prävention als gesellschaftliche Selbstverständlichkeit