Gesellschaftliche Polarisierungen und soziologische Positionierungen
Theoretische Reflexionen erhellenden Widerstreits
Schlagwörter:
PolarisierungAbstract
Obwohl die Frage danach, ob die Gesellschaft der Gegenwart als politisch polarisiert beschrieben werden kann, zu den öffentlich heiß diskutierten soziologischen Untersuchungsgegenständen gehört, stellt sich dazu keine fachliche Einigkeit ein. Diesen Umstand nimmt der Text zum Anlass einer soziologischen Reflektion auf die Form dieser Debatte. Dabei unterscheidet er drei Idealtypen soziologischer Stellungnahme zur Polarisierungsbehauptung: Soziologie kann sich als Verbündete, als Schlichterin, oder als Abklärerin in die Debatten einschalten. Anreize im soziologischen Feld sorgen dafür, dass alle drei Positionen sich zuverlässig reproduzieren. Und obwohl dies auf den ersten Blick vor allem als Problem der Außendarstellung der Soziologie als Wissenschaft verstanden werden dürfte, stellt es sich zumindest der Möglichkeit nach auch als eine Form der List der soziologischen Vernunft heraus, die der Gesellschaft erlaubt, sich in ihren politischen Selbstbildern produktiv irritieren zu lassen.
Although the question of whether contemporary society can be described as politically polarized is one of the most hotly debated topics in sociology, professional consensus on the subject seems to be out of reach. The text takes this problem as a starting point for sociological reflection on the form of this debate. We distinguish between three ideal types of how sociology positions itself with regards to the claim of political polarization: sociology can intervene in these debates as an ally, as a mediator or as a clarifier. Incentives in the sociological field ensure that all three positions are reliably reproduced. And although at first glance this might be seen primarily as a problem of the external presentation of sociology as science, it also turns out to be a form of cunning of sociological reason that allows society to be productively irritated in its political self-images.
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