Entscheiden über Asyl: Über soziale Konstruktion und das Zusammenspiel von Formalität und Informalität im österreichischen Asyl-Verwaltungsverfahren

Julia R. Dahlvik

Abstract


Dieser Beitrag befasst sich mit den sozialen Praktiken und Prozessen der Administration von Asylanträgen. Anhand der in einer Außenstelle des österreichischen Bundesasylamts durchgeführten ethnographischen Fallstudie (2010-2014) wird der Arbeitsalltag von ReferentInnen untersucht, die in erster Instanz über Asylanträge entscheiden. Die präsentierten Ergebnisse basieren auf der ‚Kristallisierung‘ von Leitfadeninterviews mit EntscheiderInnen, teilnehmender Beobachtung des Bürolebens und von Einvernahmen mit AsylwerberInnen sowie Artefaktanalysen. Die Datenanalyse orientiert sich vor allem an dem Zugang der interpretativen Sozialforschung.
Das administrative Asylverfahren dreht sich inhaltlich primär um die Interpretation einer „wohlbegründeten Furcht vor Verfolgung“, welche vor allem mit der Herstellung von (Un-) Glaubwürdigkeit und daher mit der Suche nach „Fakten“ verknüpft ist. Der für Bürokratien charakteristische Prozess der sozialen Konstruktion von Fakten steht im Zentrum dieses Beitrags.
Auf Basis des Datenmaterials lassen sich vier ineinander verschränkte Spannungsfelder identifizieren, die den von der Suche nach Fakten geprägten Arbeitsalltag der ReferentInnen charakterisieren: (1) Normierung vs. Handlungsspielraum, (2) Eindeutigkeit vs. Ungewissheit, (3) Individualisierung vs. Generalisierung, (4) Verantwortung vs. Distanzierung. Diese Spannungsfelder äußern sich in einer Koexistenz von Formalität und Informalität. Eine Eigenschaften der Informalität liegt in der Reduktion von Komplexität, welcheim Prozess der sozialen Konstruktion von Fakten von besonderer Bedeutung ist.

Schlagworte


Asyl; Verwaltung; street-level bureaucracy; Fakten; Glaubwürdigkeit

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