Die Eurokrise als Entdeckungsverfahren. Europäische Vergesellschaftungsprozesse im Spannungsfeld von System- und Sozialintegration

Martin Heidenreich

Abstract


In diesem Beitrag wird die europäische Finanzmarkt-, Staatsschulden- und Wirtschaftskrise im Spannungsfeld von System- und Sozialintegration verortet. Herausgearbeitet wird zum einen, dass seit 2010 in der Eurozone eine koordinierte Wirtschaftspolitik auf eine nachholende, inkrementelle und fragmentierte Weise entwickelt wurde. Das Fehlen einer antizyklischen, auf europäischer Ebene koordinierten Wirtschaftspolitik führt jedoch zu einem erheblichen Anstieg der Arbeitslosigkeit insbesondere in den südeuropäischen Ländern, zu einer stärkeren Differenzierung und Neuordnung der Verhältnisse von Zentrum und Peripherie und zu einer Erosion der Zustimmung zur EU. Weiterhin kann eine Europäisierung der Maßstäbe für die Bewertung der eigenen finanziellen Situation belegt werden. Die Diskrepanzen zwischen den systemischen und den sozialintegrativen Dimensionen der europäischen Integration erklären, warum die aktuelle Krise den Zusammenhalt der EU massiv untergraben kann. Zu beobachten ist somit eine „Rückkehr der Gesellschaft“ auf die europäische Bühne, nachdem die sozialstaatliche Absicherung der Europäer bislang alleine als Verantwortung der Nationalstaaten gesehen wurde

Schlagworte


Eurokrise; Währungsunion; Systemintegration; Sozialintegration; Arbeitslosigkeit; subjektive Armut

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