Das Potenzial des Weltbegriffs für die Umweltsoziologie

  • Katharina Block Human Dynamics Centre, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Schlagworte: Umweltsoziologie, Umwelt, Welt, Plessner, Philosophische Anthropologie, Ökologie

Abstract

Für die Umweltsoziologie gibt es nichts Selbstverständlicheres als das, was mit dem Begriff Umwelt angesprochen ist. Mit Umwelt ist derjenige ‚Raum’ in der Natur gemeint, zu dem der Mensch in einem instrumentellen Verhältnis steht (Anthroposphäre). Die Bestimmung dieses Verhältnisses folgt dabei stets einer ökologischen Logik. Diese Feststellung wirft einige wissenschaftssystematische Fragen auf. Denn durch den Anschluss an die Ökologie gehen stets biologistische Annahmen als erklärende Axiome in die Umweltsoziologie ein. Dadurch wird fraglich, inwiefern diese die Bestimmung des Subjekt-Umwelt-Verhältnisses systematisch fundieren und ob damit die menschliche Bezugsform zum Umfeld tatsächlich erfasst werden kann. Auf der Subjektebene lassen sich so reduktive Anthropologismen sichtbar machen, die als erklärende Annahmen das Subjekt-Umwelt-Verhältnis speisen. Die Lebensvollzüge des Menschen sind darin bloß eindimensional konzipiert und der menschliche Umfeldbezug somit nicht erfasst. Da aber in der Umweltsoziologie gerade die Analyse auf der Subjektebene (z.B. bezüglich der Kluft zwischen Umweltbewusstsein und Umwelthandeln) stets von anthropologischen Annahmen geleitet ist – dies ist im Umweltbegriff als ein Verhältnisbegriff angelegt –, kommt sie nicht umhin zu fragen, inwiefern dieses systematische Problem mit ihrem Anschluss an die Ökologie zusammenhängt. Einen Ausweg bietet der Weltbegriff der Philosophischen Anthropologie Plessners. Seine Einsicht in die menschliche Weltoffenheit ist phänomenologisch-lebenstheoretisch intendiert. Der menschliche Umfeldbezug ist demnach ein weltoffener, der sich vom Erleben her als dreidimensionale Vermittlung zwischen Mensch und Welt realisiert. Insofern lebt der Mensch als Mensch in Welt- und nicht in Umweltverhältnissen. Um Erklärungen für die Kluft zwischen Umweltbewusstsein und -handeln zu finden, die jenseits der ökologiebasierten Systematik liegen, bietet sich Plessners Ansatz für die Umweltsoziologie an. Denn mit ihm kann aus einer Leibperspektive heraus gefragt werden, warum ein Erleben jener Kluft in aktuellen Selbst-Welt-Beziehungen besteht und inwiefern dieses in den zeitgenössischen Weltverhältnissen gründet.

Autor/innen-Biografie

Katharina Block, Human Dynamics Centre, Julius-Maximilians-Universität Würzburg

2015-2016 Forschungsstipendiatin am Human Dynamicy Centre, Julius-Maximilians-Universität Würzburg

2011-2014 Promotionsstipendiatin der Graduiertenschule "Herausforderung Leben", Universität Koblenz-Landau

1010-2011 Wissenschaftliche Hilfskraft und Lehrbeauftragte des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie, Friedrich-Schiller- Universität Jena

2008 Diplom in Soziologie, Kulturwissenschaften und Psychologie mit Auszeichnung (1,2), Universität Bremen

 

Literaturhinweise

Block, K. 2016: Von der Umwelt zur Welt. Der Weltbegriff in der Umweltsoziologie. Bielefeld: transcript.

Brand, K.-W., Reusswig, F. 2001: Umwelt. In H. Joas (Hg.), Lehrbuch der Soziologie. Frankfurt am Main, New York: Campus, 557–575.

Dieckmann, A. 1996: Homo ÖKOnomicus. In Anwendungen und Probleme der Theorie rationalen Handelns im Umweltbereich, Sonderheft 36, 89–117.

Esser, H. 1999: Soziologie. Allgemeine Grundlagen. Frankfurt am Main, New York: Campus.

Gehlen, A. 1993: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt (1940). In K.-S. Rehberg (Hg.), Der Mensch. Textkritische Edition. Teilband 1, GA, Bd. 3. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann.

Grunwald, A. 2010: Die Ökologie der Individuen. Erwartungen an individuelles Umwelthandeln. In C. Büscher, K. P. Japp (Hg.), Ökologische Aufklärung. 25 Jahre »Ökologische Kommunkation«. Wiesbaden: VS, 231–257.

Huber, J. 2001: Allgemeine Umweltsoziologie. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Keller, R., Poferl, A. 2011: Umweltdiskurse und Methoden der Diskursforschung. In M. Groß (Hg.), Handbuch Umweltsoziologie. Wiesbaden: VS, 199–220.

Lange, H. 2011: Umweltsoziologie in Deutschland und Europa. In M. Groß (Hg.), Handbuch Umweltsoziologie. Wiesbaden: VS, 19–53.

Lange, H. 2005: Lebensstile. Der sanfte Weg zu mehr Nachhaltigkeit?. In G. Michelsen, J. Godemann (Hg.), Handbuch Nachhaltigkeitskommunikation. Grundlagen und Praxis. München. Oekom, 160–172.

Lange, H. 2000: Eine Zwischenbilanz der Umweltbewußtseinsforschung. In: H. Lange (Hg.), Ökologisches Han-deln als sozialer Konflikt. Umwelt im Alltag. Opladen: Leske + Budrich, 13–34.

Lindemann, G. 2008: Verstehen und Erklären bei Helmuth Plessner. In R. Greshoff, G. Kneer, W. L. Schneider (Hg.), Verstehen und Erklären. Sozial- und Kulturwissenschaftliche Perspektiven. München: Wilhelm Fink, 117–142.

Lüdemann, C. 1997: Rationalität und Umweltverhalten. Die Beispiele Recycling und Verkehrsmittelwahl. Wies-baden: Deutscher Universitätsverlag.

Plessner, H. 2003a: Mit anderen Augen [1953]. In G. Dux, O. Marquardt, E. Ströker (Hg.), Conditio humana. GS, Bd 8. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 88–104.

Plessner, H. 2003b: Über das Welt- Umweltverhältnis des Menschen (1950). In G. Dux, O. Marquardt, E. Ströker (Hg.), Conditio humana. GS, Bd 8. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 77–87.

Plessner, H. 2003c: Macht und menschliche Natur. Ein Versuch zur Anthropologie der geschichtlichen Weltansicht (1931). In: G. Dux, O. Marquardt, E. Ströker (Hg.), Macht und menschliche Natur. GS, Bd. 5. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 135–234.

Plessner, H. 1975: Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie. Berlin, New York: De Gruyter.

Scheler, M. 1979: Die Stellung des Menschen im Kosmos (1928). In: M. S. Frings (Hg.), Späte Schriften. GW, Bd. 9. Bern, München: Francke, 7–71.

Uexküll, J. von 1973: Theoretische Biologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Veröffentlicht
2015-12-23
Rubrik
Sektion Umweltsoziologie: Neue Trends in der Umweltsoziologie