Prekarität als kollektive Herausforderung im Haushaltskontext

Zur Notwendigkeit und Methode kollektiver Erhebungsverfahren

  • Natalie Grimm SOFI Göttingen
  • Berthold Vogel
Schlagworte: Prekarität, soziale Ungleichheit, narrative Haushaltsinterviews, Haushalte, Familie

Abstract

Zu Formen und Folgen prekärer Beschäftigung liegen umfangreiche sozialwissenschaftliche Kenntnisse vor. Sehr viel weniger wissen wir hingegen über die sozialen Kontexte, die das Gefährdungs- und Ausgrenzungspotential unsicherer Erwerbsbeteiligung entscheidend bestimmen. Insbesondere der Haushalt als Lebenszusammenhang und Wirtschaftsgemeinschaft bedarf diesbezüglich deutlich stärkerer soziologischer Aufmerksamkeit. Deshalb stehen Bewältigungsstrategien von Haushalten, die mit prekären Beschäftigungswirklichkeiten konfrontiert sind, und die Frage, inwieweit unsichere Beschäftigungsformen prekäre Muster der Haushalts- und Lebensführung hervorbringen, im Mittelpunkt eines DFG-Forschungsprojekts am Soziologischen Forschungsinstitut (SOFI) Göttingen. Zentrale Fragen des Projekts lauten: Bildet der Haushalt eine Kraftquelle, um prekäre Arbeits- und Lebenssituationen bewältigen zu können oder wirkt er eher als Prekaritätsbeschleuniger? Welche Rolle spielen zudem Unterstützungsformen von außen (z.B. soziale Nahbeziehungen, öffentliche Infrastrukturangebote, staatliche Transferleistungen)? Kommt es aufgrund der Veränderung der Lebensformen und Haushaltsstrukturen zu einem Bedeutungsgewinn familiärer Bindungen oder sozialer Netzwerke bei der Bewältigung prekärer sozialer Lagen?

Um diese Fragen beantworten zu können, werden im Projekt unterschiedliche Haushaltskonstellationen, die von unsicheren Beschäftigungsformen getragen werden, mittels biografisch-narrativer Haushaltsinterviews untersucht. Der Schwerpunkt wird damit von Individualbiografien auf Haushalte, auf deren gemeinsame Geschichte sowie auf deren Lebensführungsmuster und Bewältigungsstrategien verschoben. Das Projekt erweitert damit den Blick auf die sozialen Folgen prekärer Beschäftigung: Prekarität wird nicht mehr als individuelles Problem betrachtet, sondern als eine kollektive Herausforderung im Haushaltskontext.

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Veröffentlicht
2019-10-07
Zitationsvorschlag
[1]
Grimm, N. und Vogel, B. 2019. Prekarität als kollektive Herausforderung im Haushaltskontext. Nicole Burzan (Hg.) 2019: Komplexe Dynamiken globaler und lokaler Entwicklungen. Verhandlungen des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Göttingen 2018. . 39, (Okt. 2019).
Rubrik
Ad-Hoc: Lebenszusammenhänge und Ungleichheiten erforschen – Methode und Praxis von Paar-, Familien- und Haushaltsinterviews