Die Normalität des Krieges

Ein blinder Fleck der Soziologie

  • Arno Bammé
Schlagworte: Krieg, Gesellschaftstheorie

Abstract

Offensichtlich gehören Kriege zu den Elementarerscheinungen zwischenmenschlichen Zusammenlebens und sind, unabhängig von Zeit und Raum, im tiefsten Wesen des Menschen verankert. Merkwürdigerweise haben sie in den Gesellschaftstheorien der Soziologie keinen Niederschlag gefunden. Würde man Kriege in all ihren Erscheinungsformen vorbehaltlos als kontinuierliches Sozialgeschehen und gewaltige kulturelle Transformationskraft analysieren und nicht als vereinzelte Unglücksfälle der Geschichte abtun, wären die gegenwärtigen Theorien der Moderne (Habermas, Luhmann, Bourdieu, Foucault etc.) um einiges realistischer und empirisch gehaltvoller.  

At all times and throughout the world there have been wars. It seems that wars are a substantial part of human life. But there is no reflection on this phenomenon in the social theories of modern sociology, neither, for example, in those of Habermas and Luhmann nor in those of Bourdieu and Foucault. If sociologists were to perceive the meaning of wars as a continual part of social life and a strong cultural power of transformation, instead of putting them away as singular accidents of history or elapses into barbarism, their theories of modernity would become more realistic and more valuable, not only in a historical sense, but in an empirical sense, too. 

Literaturhinweise

Bartsch, M., et al. 2008: Exempel des Bösen. Junge Männer: Die gefährlichste Spezies der Welt. DER SPIEGEL, 62. Jg., Heft 2, 20–38.
Beck, U. 1986: Risikogesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Benn, G. 1959: Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke. In K. Pinthus (Hg.), Menschheitsdämmerung. Ein Dokument des Expressionismus. Hamburg: Rowohlt, 96.
Böhm, W. 2015: 70 Jahre Ausnahmezustand. Die Presse, 8. Mai 2015, 1.
Enzensberger, H. M. 1993: Aussichten auf den Bürgerkrieg. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Feist, C., Fink, A. G., Treichler, R. 2014: Was wir vom Krieg nicht sehen wollen. profil, 45. Jg., Heft 34, 46–57.
Freud, S. 2000: »Warum Krieg?«. Brief an Albert Einstein im September 1932. Studienausgabe. Band IX. Frankfurt am Main: Fischer.
Hobbes, T. 1984 [1651]: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines bürgerlichen und kirchlichen Staates. Hgg. von I. Fetscher. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Hobbes, T. 1991 [1680]: Behemoth oder das Lange Parlament. Hgg. von H. Münkler. Frankfurt am Main: Fischer.
Jean, F., Rufin, J.-C. (Hg.) 1999: Ökonomie der Bürgerkriege. Hamburg: Hamburger Edition.
Joas, H., Knöbl, W. 2008: Kriegsverdrängung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Jünger, E. 1920: In Stahlgewittern. Berlin: Mittler & Sohn.
Kaldor, M. 2000: Neue und alte Kriege. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Klein, N. 2015: Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima. Frankfurt am Main: Fischer.
Mohr, H. 1987: Natur und Moral. Darmstadt: WBG.
Mohrs, T. 1995: Vom Weltstaat. Berlin: Akademie.
Mühlmann, H. 1996: Die Natur der Kulturen. Wien, New York: Springer.
Münkler, H. 2002: Die neuen Kriege. Reinbek: Rowohlt.
Redlin, J., Neuland-Kitzerow, D. (Hg.) 2014: Der gefühlte Krieg. Emotionen im Ersten Weltkrieg. Dresden: Verlag der Kunst.
Remarque, E. M. 1929: Im Westen nichts Neues. Berlin: Propyläen.
Rinke, A., Schwägerl, C. 2012: Elf drohende Kriege: Künftige Konflikte um Technologien, Rohstoffe, Territorien und Nahrung. München: Bertelsmann.
Schönberger, A. 2014: Schlachtfeldstudien. Warum führen wir Kriege? profil, 45. Jg., Heft 31, 66–74.
Singer, P. 1991: On being silenced in Germany. The New York Review of Books, 38. Jg., Heft 14, 34–40.
Smoltczyk, A. 2015: Die Endlager des Krieges. DER SPIEGEL, 69. Jg., Heft 17, 49–52.
Steinmetz, S. R. 2014 [1929]: Soziologie des Krieges. Hgg. und mit einem Nachwort von A. Bammé. Marburg: Metropolis.
Steinmetz, S. R. 1899: Der Krieg als sociologisches Problem. Amsterdam: Versluys.
Tönnies, F. 1921: Franz Staudinger. Konsumgenossenschaftliche Rundschau, 18. Jg., Heft 52, 557–559.
Tönnies, F. 1922: Zum Gedächtnis an Franz Staudinger. Kölner Vierteljahreshefte für Sozialwissenschaften, 2. Jg., Heft 1, 66–70.
Tönnies, F. 1926: Soziologische Studien und Kritiken. Zweite Sammlung. Jena: Fischer.
Tönnies, F. 1931: Einführung in die Soziologie. Stuttgart: Enke.
van Creveld, M. 1998: Die Zukunft des Krieges. München: Gerling.
Waldmann, P. 2003: Terrorismus und Bürgerkrieg. München: Gerling.
Welzer, H. 2008: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. Frankfurt am Main: Fischer.
Wiegrefe, K. 2014: Der nahe ferne Krieg. DER SPIEGEL, 68. Jg., Heft 1, 28–37.
Veröffentlicht
2015-07-01