Neue Hochschulgovernance und die Vereinbarung professioneller und organisationaler Leistungsbegriffe

Spannungen zwischen Organisation und Profession?

  • Melike Janßen Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW)
Schlagworte: Leistungsbewertungsverfahren, Meritokratie, NPM Universitätsreformen, HochschullehrerInnen

Abstract

Im Kontext der neuen Hochschulgovernance ist der Begriff der Leistung ubiquitär: So werden etwa im Rahmen der LOM Grundausstattungsmittel auf der Basis erbrachter Leistungen an die Universitäten verteilt, die diese wiederum ebenfalls leistungsorientiert an die Fakultäten weiterleiten oder gar bis auf die Ebene der einzelnen Lehrstühle herunterbrechen können; und wer mehr leistet – so der Anspruch der (leistungsorientierten) W-Besoldung – soll in Form von Leistungszulagen ein höheres Einkommen erhalten, wohingegen 'leistungsschwächere' Kolleg/innen Einkommensverluste erfahren können. Insofern zeigt sich hier auf den ersten Blick die Verwirklichung des meritokratischen Prinzips, die auf den zweiten Blick jedoch problematisch ist. Ursächlich hierfür sind vor allem die zugrunde liegenden, nur vermeintlich konsensualen Leistungsbegriffe. Als Bewertungs-, Sanktions- und Legitimationsprinzip stößt die Verwirklichung des Leistungsprinzips aus Perspektive der von Leistungsbewertungen betroffenen Akteure an Grenzen, wenn ihm ein 'professionsfremder' Leistungsbegriff zugrunde liegt. Der Beitrag nimmt sich daher den unterschiedlichen Vorstellungen "guter" Forschung und Lehre an und rückt die Vereinbarung der organisationalen und ‚professionellen‘ Leistungsbegriffe in den Blick. Dabei werden die differenten Leistungsbegriffe evident, die Professor/innen verschiedener Disziplinen als betroffene Akteure von Leistungsbewertungen einerseits formulieren, als Maßstäbe an ihr eigenes Handeln und das ihrer Fachkolleg/innen anlegen, mit denen sie sich andererseits durch die Universität konfrontiert sehen. Hier zeigt sich zum Teil eine Divergenz zwischen der zu erbringenden Leistung zur Erlangung ökonomischen und symbolischen Kapitels innerhalb der Universität und den in den Fachgemeinschaften akzeptierten Leistungsparametern, die Grundlage der dortigen Kapitalakkumulation darstellen. Drei zentrale Konstellationen und ihre im Forschungs- und Lehralltag auftretenden Folgen werden im Beitrag diskutiert: (der bereits angedeutete) Konflikt, Übereinstimmung, Kompromiss.

Literaturhinweise

Abele, Andrea E. 2003. Beruf – kein Problem, Karriere – schon schwieriger: Berufslaufbahnen von Akademikerinnen und Akademikern im Vergleich. In Frauen und Männer in akademischen Professionen. Berufsverläufe und Berufserfolg, Hrsg. Andrea E. Abele, Ernst-Hartmut Hoff und Hans-Uwe Hohner, 157–182. Heidelberg: Asanger.

Allison, Paul D. und John A. Stewart. 1974. Productivity Differences Among Scientists: Evidence for Accumulative Advantage. American Sociological Review 39(4):596–606.

Beaufaÿs, Sandra. 2003. Wie werden Wissenschaftler gemacht? Beobachtungen zur wechselseitigen Konstitution von Geschlecht und Wissenschaft. Bielefeld: transcript.

Costas, Ilse. 2002. Women in Science in Germany. Science in Context 15(4):557–576.

Engler, Steffani. 2001. „In Einsamkeit und Freiheit“? Zur Konstruktion der wissenschaftlichen Persönlichkeit auf dem Weg zur Professur. Konstanz: UVK.

Graf, Angela. 2015. Die Wissenschaftselite Deutschlands. Sozialprofil und Werdegänge zwischen 1945 und 2013. Frankfurt am Main: Campus.

Heintz, Bettina, Martina Merz und Christina Schumacher. 2004. Wissenschaft, die Grenzen schafft. Geschlechterkonstellationen im disziplinären Vergleich. Bielefeld: transcript.

Janßen, Melike und Ariadne Sondermann. 2017. Universitäre Leistungsbewertungen als Bedrohung der akademischen Identität? Ein subjektorientierter Blick auf die Beurteilung und Kontrolle wissenschaftlicher Leistungen im Zeichen von New Public Management. Berliner Journal für Soziologie, 26(3-4):377–402.

Janßen, Melike, Uwe Schimank und Ariadne Sondermann. 2021. Hochschulreformen, Leistungsbewertungen und berufliche Identität von Professor*innen. Eine fächervergleichende qualitative Studie. Springer: Wiesbaden.

Jungbauer-Gans, Monika und Christiane Gross. 2012. Veränderte Bedeutung meritokratischer Anforderungen in wissenschaftlichen Karrieren. die hochschule 2/2012:245–259.

Kleimann, Bernd. 2016. Universitätsorganisation und präsidiale Leitung. Führungspraktiken in einer multiplen Hybridorganisation. Wiesbaden: Springer VS.

Matthies, Hildegard und Karin Zimmermann. 2010. Gleichstellung in der Wissenschaft. In Handbuch Wissenschaftspolitik, Hrsg. Dagmar Simon, Andreas Knie und Stefan Hornbostel, 193–209. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Merton, Robert K. 1968. The Matthew Effect in science: The reward and communication systems of science are considered. Science 159:56–63.

Merton, Robert K. 1973. The sociology of science. Theoretical and empirical investigations. Chicago: University of Chicago Press.

Mittelstraß, Jürgen. 1982. Wissenschaft als Lebensform: Reden über philosophische Orientierungen in Wissenschaft und Universität. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Möller, Christina. 2015. Herkunft zählt (fast) immer. Soziale Ungleichheiten unter Universitätsprofessorinnen und -professoren. Weinheim: Beltz Juventa.

Müller-Böling, Detlef. 2000. Die entfesselte Hochschule. Gütersloh: Bertelsmann.

Reuter, Julia, Markus Gamper, Christina Möller und Frerk Blome (Hrsg.). 2020. Vom Arbeiterkind zur Professur. Sozialer Aufstieg in der Wissenschaft. Autobiographische Notizen und soziobiographische Analysen. Bielefeld: transcript.

Schimank, Uwe. 2018. Leistung und Meritokratie in der Moderne. In Leistung als Paradigma. Zur Entstehung und Transformation eines pädagogischen Konzepts, Hrsg. Sabine Reh, und Norbert Ricken, 19–42. Wiesbaden: Springer VS.

Sondermann, Ariadne und Melike Janßen. 2019. Folgen universitärer Leistungsbewertungen für das berufliche Handeln von Hochschulprofessoren: Verschärfter Anpassungsdruck und kollegiale Grenzziehungen? In (Be)Werten. Beiträge zur sozialen Konstruktion von Wertigkeit, Soziologie des Wertens und Bewertens/1. Hrsg. Stefan Nicolae, Martin Endreß, Oliver Berli und Daniel Bischur, 249–274. Wiesbaden: Springer VS.

Zuckerman, Harriet. 1977. Scientific Elite: Nobel Laureates in the United States. New York: The Free Press.

Veröffentlicht
2021-09-03
Rubrik
Ad-hoc: Meritokratie – Ausprägungen und Paradoxien eines gesellschaftlichen Leitbildes am Beispiel von Wissenschaft und Hochschule