Editorial

  • Georg Vobruba
Schlagworte: PEGIDA, Zählung, Demonstration

Abstract

PEGIDA, 

liebe Kolleginnen und Kollegen, 
PEGIDA lässt sich nicht beobachten. In der LVZ (Leipziger Volkszeitung) war ein kluges Interview mit einem Werbefachmann. Er meinte, das sei ein geradezu genialer Marketing-Trick. Die PEGIDA-Leute arbeiteten mit Andeutungen darüber, wie sie die Gesellschaft beobachten und interpretieren (handeln fällt bei ihnen weitgehend flach). Und genau darum ist es soziologisch schwierig, sie (in 2. Ordnung) zu beobachten und zu interpretieren. Konstitutive Elemente dieser Selbstabschottung sind: kaum eigene Texte, kaum Diskussionsbereitschaft, Verschwörungstheorien. 

Die Sozialwissenschaften reagierten auf zweierlei Weise: Einerseits mit Umfrage-Schnellschüssen. Dabei kam raus, was mancher »Projektleiter« schon vorher wusste: Es handelt sich um Protest aus der Mitte der Gesellschaft, aus jener Mitte, die sich kaum artikulieren kann, weil Denkverbote, die linke Hegemonie in der Bundesrepublik, political correctness und überhaupt. Solcher Unsinn wurde von der Qualitätspresse (PEGIDA-Sprech: »Lügenpresse«) irritierend gnädig aufgenommen: »Viele wollten nicht antworten, deswegen wird die Studie kritisiert. Das Bild sei verzerrt. Darüber kann man streiten, aber es gibt ein erstes Bild« (SZ 18. 1. 2015, S. 3) Nein, darüber kann man nicht streiten. Solchen Untersuchungen sind höchst fragwürdig, und was davon in der Presse ankommt, ist purer Unsinn. Das freilich sollte man bei der Verbreitung der »Ergebnisse« antizipieren. Andererseits gab es freihändige Interpretationen im Fernsehen und Radio. Ein paar gute Ideen, im Wesentlichen Stochern im Nebel. Das lag nicht an den Kolleginnen und Kollegen, die freundlich genug waren, unmögliche Fragen zu beantworten. Es lag am Thema. 

Dass PEGIDA in ihrem Sinn kaum erfassbar ist, steigert die Bedeutung von Zahlen. Zum einen entwickelte sich eine Art DSDGD (Deutschland sucht die größte Demo). Zum anderen gab es mehr Diskussion als sonst um die Teilnehmerzahlen der Demos. 

Schon die Ankündigungen anlässlich der Demo-Anmeldungen sind ein interessantes Thema. Die Anmeldung einer Demonstration muss die voraussichtliche Teilnehmerzahl enthalten. Das ist nicht nur ein gesetzliches Erfordernis, sondern auch ein komplexes taktisches Problem. Die Zahl muss ausreichend hoch sein, um schon vorweg die Bedeutung des Anliegens der Demo zu signalisieren. Dabei allerdings müssen Veranstalter zwei Effekte gegeneinander abwägen. Eine hohe Zahl kann entweder zu zusätzlichem Zulauf führen, weil dadurch risikoaverse potentielle Teilnehmer ermutigt und zur Teilnahme motiviert werden. Wenn sehr Viele kommen,  kann dem Einzelnen nichts passieren, so lautet das unterstellte Kalkül. Oder aber die hohe Zahl hält potentielle Teilnehmer vom Demonstrieren ab, weil sie denken, dass es auf ihren marginalen Beitrag nicht ankommt. Dazu kommt: Die Zahl darf nicht unrealistisch hoch sein. Denn dann ist jede tatsächliche Teilnehmerzahl ein Misserfolg. Das haben die LEGIDA-Organisatoren am 21. Januar 2015 in Leipzig erfahren. Angemeldet wurden 60.000, tatsächlich waren es … wie viele eigentlich? 

Tja, die tatsächliche Teilnehmerzahl. Prinzipiell gilt das EDTZG, das Eherne Demo-Teilnehmer-Zählungs-Gesetz:  

Veranstalterzählung > Polizeizählung > Soziologische Zählung 
Am 21. Januar zählten die Veranstalter in Leipzig 20.000. Dass dies eine nach oben geschönte Zahl ist, lässt sich nicht völlig ausschließen. Die Polizei – das zeigt das EDTZG – befand sich in einer Sandwich-Position. Einerseits musste die von ihr veröffentlichte Zahl ausreichend hoch sein, um den Aufwand zu rechtfertigen. Immerhin waren 4.000 Polizeikräfte im Einsatz. Andererseits musste die Polizeizählung dem Augenschein interessierter Beobachter (Journalisten etc.) standhalten und durfte nicht völlig unrealistisch sein. Dabei half Zählung Nummer drei. Das Soziologische Institut der Uni Leipzig zählte LEGIDA (vgl. S. 153 ff.) und kam auf eine Teilnehmerzahl zwischen 4.000 und 5.000. Das Ergebnis in EDTZG-Form:  

Legida: 20.000 / Polizei: 15.000 / Institut für Soziologie: 4.000–5.000. 
Dazu ein Kommentar auf Facebook: »Klingt nach 1:1 Betreuung der LEGIDAs durch unsere Freunde und Helfer!« 
Ihr 

Georg Vobruba 

 

Nach Redaktionsschluss: 
Zählung der PEGIDA-Demo in Dresden am 23. Februar durch eine angeblich von PEGIDA beauftragte Anwaltskanzlei: 10.100, Polizeizählung: 4.800. (Sächsische Zeitung, sz-online.de, 23. 2. 2015)  

Veröffentlicht
2015-04-01

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