Editorial

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Keywords:

Wissenschaftsfreiheit

Abstract

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

bereits das Wissenschaftsjahr 2024 war dem Thema »Freiheit« gewidmet, und auch in diesem Jahr hat die Befassung damit nichts an Aktualität und Dringlichkeit verloren – im Gegenteil.

Die weltweit zu beobachtenden Einschränkungen und Gefährdungen der Freiheit von Wissenschaft, aufgebaute Drohkulissen, befürchtete oder schon eingetretene Restriktionen haben alarmierende Ausmaße erreicht. Auto­­ritäre Regime oder sich autoritär gebärdende Machthaber außerhalb Eu­ro­pas und teils auch innerhalb streben ein Ausmaß an Kontrolle von und Ein­­flussnahme auf Wissenschaft an, wie es bis vor kurzem - zumindest in jün­­­gerer Zeit - kaum vorstellbar war. Politische Versuche der Ein­schüch­te­rung von Universitäten und Wissenschaftsorganisationen zeugen von einem anti­­pluralistischen Ringen um Deutungsmacht, der nichts und niemand sich zu widersetzen haben solle. Die Attacken, die derzeit seitens der US-ame­ri­ka­­nischen Regierung unternommen werden, sind ein frappierendes und ernst­zunehmendes Beispiel dafür.

Der Kampf um die Freiheit von Wissenschaft ist in den Vordergrund ge­rückt. Intrinsische Begründung für Wissenschaftsfreiheit sei die Er­kennt­nis­bil­dung, die, wie Stefan Gosepath aus philosophischer Sicht in Forschung & Lehre (4/25) argu­men­tiert, die »Suche nach Erkenntnis, Wis­sen und Wahr­heit« zum Selbstzweck habe. Sie setze zugleich Freiheit­ sichernde Be­din­gungen vor­aus. Dies impliziere erstens, wissenschaftliche Ent­schei­dun­gen über Me­tho­den, Fragestellungen und Ziele den Wis­sen­schaf­ten zu über­las­sen. Zweitens ge­­he es darum, konkurrierende Meinungen aus­zuhalten, zu re­spektieren und zu debattieren. Drittens dürfe die Gel­tungs­kraft von Ar­gu­men­ten nur auf stren­gen, rationalen Gütekriterien be­ru­hen. Im Wechselspiel von ge­sell­schafts­politischen Herausforderungen und Wissenschaft bleibe, so der So­zio­lo­ge Armin Nassehi (Forschung & Lehre, 5/25), der Modus der Selbst­kritik und der Selbstrelativierung zentral - gerade wenn und gerade weil es darum gehe, Re­lativismus und Beliebigkeit einzuschränken und Zwei­fel an die Stelle ver­meint­licher Eindeutigkeit zu set­zen. Dies beinhalte, die »Faktizität der Fakten«, die »Objektivität des Wis­sens« und die Kon­sti­tu­tion wissenschaftlicher Ge­gen­stände wissenschaftlich in Frage zu stellen und der Gefahr des Autoritären mit den »selbstkritischen Mit­teln des Wis­sen­schaft­lichen selbst zu begegnen«. Die Vielfalt wis­sen­schaft­licher Per­spek­ti­ven wird angesichts der Komplexität von Gesellschaft ausdrücklich als Chan­ce begriffen.

Die exemplarisch angeführten Argumente ließen sich um zahlreiche Dis­kus­­sionen ergänzen. Dass Wis­sen­schafts­­freiheit staatlich und rechtlich ab­zu­sichern ist, liegt hierbei auf der Hand, sie stellt sich nicht von alleine her. Die Freiheit der Wissenschaft bedarf institutioneller Ga­ran­tien, will sie nicht nur folgen- und wehrlose Selbstbeschreibung sein. Zu­gleich spielen ge­sell­schaft­liche Diskursdynamiken eine Rolle. Neben destruktiven politischen Ent­wicklungen haben sich die Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit ver­schärft. Auch demgegenüber gilt es, eine Haltung ein­zunehmen, Diskurs-, Denk- und Handlungsräume offen zu halten und nichts zu simplifizieren. Eine Beschreibung, die der eigenen Position zu­wi­der­läuft, muss nicht dazu führen, das Gespräch zu beenden, Anderen das Re­derecht abzusprechen oder diese symbolisch zu vernichten. Sie kennen das. Nicht wenige öf­fent­liche Begegnungen der letzten Zeit sind kläglich ge­schei­tert. Umso mehr kommt es darauf an, dagegen zu halten, wie zahlreiche Akteurinnen und Ak­teu­re dies mutig und ungebrochen tun. Gerade die Wis­sen­schaft und die Zwi­schenfelder der Begegnung zum Beispiel von Wis­sen­schaft und Kunst, Wis­senschaft und Bildung, Wissenschaft und Öf­fent­lich­keit können und müs­sen Horizonte öffnen - wenn man sie nutzt und nicht zer­stört.

Bei aller Notwendigkeit und Dringlichkeit, die Freiheit der Wissenschaft zu verteidigen, darf nicht vergessen werden, dass der Wissenschaft andere, unverzichtbare Freiheiten vorgelagert sind: die politische Freiheit, zu wählen und gewählt zu werden; die kulturelle Freiheit, denken, sprechen, schreiben, lernen zu dürfen; die ökonomische Freiheit von materieller Über­le­bensnot; die existenzielle Freiheit, nicht um sein Leben fürchten zu müs­sen. Dies ist kei­neswegs selbstverständlich, wie uns Ge­schichte und Gegenwart lehren.

Mein Dank gilt dem vorherigen Herausgeber, Dirk Baecker, und der Re­dak­­tion, Sylke Nissen und Karin Lange, für die perfekte Übergabe der Zeit­schrift Soziologie. Ich freue mich, diese im Auftrag von Konzil und Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie künftig herauszugeben.

Mit herzlichen Grüßen,

Angelika Poferl

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Published

2025-07-01