Ungleiche Anerkennung? ‚Arbeit’ und ‚Liebe’ im Lebenszusammenhang prekär Beschäftigter

Christine Wimbauer, Mona Motakef

Abstract


Im Zentrum des Beitrages stehen der Wandel von Erwerbsarbeit und dessen Auswirkungen auf das Verhältnis von ‚Arbeit‘ und ‚Leben‘. Mit der Pre­ka­ri­sie­rung von Arbeit wird eine Zunahme an unsicheren und nicht existenzsichernden Beschäftigungs­ver­hältnissen diagnostiziert, die bis in die Mittelschicht reicht. Da pre­käre Be­schäftigung auch als Verlust von sozialer Anerkennung erfahren werden kann, wer­den Auswirkun­gen auf den ganzen Lebenszusammenhang vermutet. Die Geschlechterforschung weist darauf hin, dass vor allem Frauen prekär beschäftigt waren und sind. Doch die Aus­weitung der Pre­ka­ri­sie­rung kann auch eine Verunsicherung des Geschlechterverhältnisses be­deuten, wenn v.a. über Erwerbsarbeit sozialisierte Männer ihre Er­näh­rer­rol­le verlieren (vgl. Motakef 2015).

Wir berichten aus einem laufenden DFG-Forschungsprojekt, das am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin angesiedelt ist und in dem eine anerkennungs- und geschlechtertheoretische Per­spektive (vgl. Wimbauer 2012) auf prekäre Beschäftigung im Lebenszusammenhang entwickelt wird. Im Zentrum steht die interaktive (Paar-)Praxis der Herstellung von Anerkennung und von (Geschlechter-)Ungleichheiten bei prekär Beschäftigten mit und ohne Paarbeziehung. In Verbindung von Prekarisierungs- und Anerkennungsforschung im Anschluss an Honneth und Butler werden die Ambivalenzen und Wechselwirkungen von prekärer Beschäftigung mit Paar- und Nahbeziehungen (Freundschaften und Familienbeziehungen), dem Haus­haltskontext, weiteren Lebensbereichen, mit Ge­schlech­terkonzepten und dem Ge­schlech­ter­verhältnis untersucht.

Mittels qualitativer Paar- und Einzelinterviews entlang einer rekonstruktiv-in­ter­sub­jektiven Forschungslogik erforschen wir Anerkennungschancen, das Verhältnis von ‚Ar­beit‘ und ‚Leben‘ / ‚Liebe‘ sowie (Geschlechter-)Ungleichheiten bei prekär Be­schäftigten: Wofür finden die Einzelnen in der Erwerbssphäre und in Nah­beziehungen An­er­kennung, wie nehmen sie dies wahr? Weitet sich Prekari­sie­rung auf den ganzen Le­bens­zusammenhang und damit auch auf Nah- und Paar­be­zie­hun­gen aus? Oder können Nah­beziehungen Einschränkungen von Anerkennung in der Er­werbssphäre mildern? Wie gestaltet sich dies bei Personen ohne Partner/in, die nicht über die An­er­ken­nungs­form ‚Liebe‘ im Bereich von Paar­be­zie­hun­gen verfügen? Und (wie) ver­ändern sich Geschlechterleitbilder, Vorstellungen von Männ­lich­keit und Ge­schlech­terverhältnisse durch prekäre Beschäftigung?


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Literaturhinweise


Motakef, M. 2015: Prekarisierung. Bielefeld: transcript.

Wimbauer, C. 2012: Wenn Arbeit Liebe ersetzt. Doppelkarriere-Paare zwischen Anerkennung und Ungleichheit, Frankfurt am Main, New York: Campus.


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