Essen in der Krise

Unsicherheitserfahrungen und Prekarisierung im Prisma von Ernährungsroutinen in kulturwissenschaftlicher Perspektive

  • Sarah Thanner Universität Regensbug
  • Gunther Hirschfelder
Schlagworte: Prekarität, Unsicherheit, Ernährung, Armut

Abstract

Als soziales Totalphänomen erweist sich gerade der Bereich der Ernährung ergiebig für die Erforschung von Bewältigungsstrategien und Umgangsweisen mit Armut und Prekarität. Das Erzählen über das Essen – von den Wünschen über die Planung und den Einkauf bis zum Verzehr – dient als operabler und alltagsnaher Indikator der Konstruktion von und des Umgangs mit prekären Lebensverhältnissen.

Der Beitrag widmet sich dabei vor allem der subjektiven Wahrnehmung der Prekarität, denen im Prisma der Ernährung vor dem Hintergrund individueller (Arbeits-)Biografien nachgespürt wird. Erzählungen und Reflexionen der Akteure vermögen Aufschluss über die Deutung beruflicher Krisenerfahrungen zu geben, die einen alltagsnahen Einblick in das Wechselverhältnis zwischen Prekarität und Ernährung sowie psychischer Belastungssituationen ermöglichen.

Prekarität und damit häufig einhergehende lebensweltliche Verunsicherung, die in der Erzählung über Ernährungsroutinen hervortritt, wird dabei als eine Vermittlungsfolie angesehen, die neben grundlegenden nahrungsethnologischen Perspektiven einen ebenso fruchtbaren Zugang zu einem sehr alltagsnahen Sprechen über biografische Krisensituationen eröffnet. In den eng miteinander verwobenen Deutungs- und Wahrnehmungsweisen kristallisiert sich die hohe Verflechtung und wechselseitige Beeinflussung von lebensweltlicher Verunsicherung, mangelnder Planungssicherheit und Ernährung sowie den sie beeinflussenden Konstanten heraus, die den alltäglichen Lebenszusammenhang der untersuchten Individuen in hohem Maße prägen.

Dabei wird ein weites Verständnis von Prekarität angesetzt, das gerade die für eine Alltagskulturforschung hochrelevante subjektive Wahrnehmung von Prekarität im Lebenslauf vor dem Hintergrund historisch gewachsener Leitbilder und damit vor allem auch die Heterogenität prekärer Lebenslagen ins Visier nimmt. So geraten Armutsphänomene weder aus den Augen, noch wird der Forschungsgegenstand darauf verengt. Im Fokus der Betrachtung stehen die Innensichten der Akteure, die Deutungen der eigenen Lebensverhältnisse und des eigenen Ernährungshandelns.

Literaturhinweise

Barlösius, Eva, Elfriede Feichtinger, und Barbara Köhler (Hrsg.). 1995. Ernährung in der Armut. Gesundheitliche, soziale und kulturelle Folgen in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin: Ed. Sigma.

Claus, Lisa, und Nadine Schuller. 2019. Feldzugang, Methoden und Herausforderungen eines studentischen Forschungsprojekts – ein Erfahrungsbericht. In Prekäre Lebenswelten im Prisma der Ernährung. Hrsg. Gunther Hirschfelder und Sarah Thanner, 35–50. Münster, New York: Waxmann.

Dörre, Klaus. 2007. Prekarisierung und Geschlecht. Ein Versuch über unsichere Beschäftigung und männliche Herrschaft in nachfordistischen Arbeitsgesellschaften. In Arbeit und Geschlecht im Umbruch der modernen Gesellschaft. Forschung im Dialog. Geschlecht & Gesellschaft, Bd. 40, 1. Aufl., Hrsg. Brigitte Aulenbacher, Maria Funder, Heike Jacobsen und Susanne Völker, 285–301. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss.

Eiermann, Lisa. 2019. Auswirkungen prekärer Lebenslagen auf die Ernährungsweise im Spannungsfeld von Arbeits- und Wohnungslosigkeit. In Prekäre Lebenswelten im Prisma der Ernährung. Hrsg. Gunther Hirschfelder und Sarah Thanner, 93–111. Münster, New York: Waxmann.

Feichtinger, Elfriede, und Barbara M. Köhler. 1998. Die Bibliographie Armut und Ernährung. Eine Einleitung. In Annotierte Bibliographie Armut und Ernährung, Hrsg. Barbara M. Köhler und Elfriede Feichtinger, 9–20. Berlin: Ed. Sigma.

Götz, Irene (Hrsg.). 2019. Kein Ruhestand. Wie Frauen mit Altersarmut umgehen. München: Kunstmann.

Götz, Irene, und Barbara Lemberger. 2009. Prekär Arbeiten, prekär leben: Einige Überlegungen zur Einführung. In Prekär arbeiten, prekär leben. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf ein gesellschaftliches Phänomen. Arbeit und Alltag, Hrsg. Irene Götz und Barbara Lemberger, 7–28. Frankfurt am Main: Campus-Verl.

Heimerdinger, Timo. 2005. Schmackhafte Symbole und alltägliche Notwendigkeit. Zu Stand und Perspektiven der volkskundlichen Nahrungsforschung. Zeitschrift für Volkskunde 101:205–218.

Hirschfelder, Gunther. 2018. Wege aus der Digitalisierungsfalle – Ernährungskommunikation und Ernährungsbildung. Ernährung im Fokus 9–10:284–288.

Hirschfelder, Gunther, und Sarah Thanner (Hrsg.). 2019. Prekäre Lebenswelten im Prisma der Ernährung. Münster, New York: Waxmann.

Klausner, Martina. 2016. „Wenn man den Boden unter den Füßen nicht mehr spürt.“ Körperlichkeit in der Herstellung psychischer In/Stabilität. In Körpertechnologien. Ethnographische und gendertheoretische Perspektiven. Berliner Blätter, Heft 70, Hrsg. Katrin Amelang, Sven Bergmann, Beate Binder, Anna-Carolina Vogel und Nadine Wagener-Böck, 126–136. Berlin: Panama Verlag.

Klenner, Christina, Svenja Pfahl, Sabine Neukirch und Dagmar Weßler-Poßberg. 2011. Prekarisierung im Lebenszusammenhang – Bewegung in den Geschlechterarrangements? WSI-Mitteilungen 64:416–422.

Klinnert, Stephanie. 2019. Prekäre Lebenslagen im Kontext von Arbeitslosigkeit und Depression im Prisma der Ernährung. In Prekäre Lebenswelten im Prisma der Ernährung. Hrsg. Gunther Hirschfelder und Sarah Thanner, 69–92. Münster, New York: Waxmann.

Lehmkühler, Stephanie, und Ingrid-Ute Leonhäuser. 1998. Untersuchung des Ernährungsverhaltens von ausgewählten Familien mit vermindertem Einkommen in Gießen (Feld: Gummiinsel). Gießen: Forschungsbericht herausgegeben vom Magistrat der Universitätsstadt Gießen.

Leonhäuser, Ingrid-Ute, und Stephanie Lehmkühler. 2002. Ernährung und Armut: erste empirische Befunde. Journal of Public Health 10:21–33.

Marchart, Oliver. 2014. Die Prekarisierungsgesellschaft. 1. Aufl. Bielefeld: transcript.

Meyer, Silke. 2015. Agency und Selbstwirksamkeit unter den Bedingungen ökonomischer Knappheit. In Knappheit, Mangel, Überfluss. Kulturwissenschaftliche Positionen zum Umgang mit begrenzten Ressourcen, Hrsg. Markus Tauschek, Karl-Michael Brunner, Heike Derwanz, Cordula Endter, Michaela Fenske, Maria Grewe, Stefan Groth, Dorothee Hemme, Dieter Kramer und Silke Meyer, 163–180. Frankfurt am Main: Campus Verlag.

Meyer, Silke. 2014. Was heißt Erzählen? Die Narrationsanalyse als hermeneutische Methode der Europäischen Ethnologie. Zeitschrift für Volkskunde 110:243–267.

Neumayer, Kathrin. 2019. Zum Umgang mit Bedürftigkeit und Konsumeinschränkung vor dem Hintergrund von Scham und Stigmatisierung – Ernährungsstrategien der „Tafelkundin“ Andrea. In Prekäre Lebenswelten im Prisma der Ernährung. Hrsg. Gunther Hirschfelder und Sarah Thanner, 133–156. Münster, New York: Waxmann.

Pirner, Christina. 2019. Ernährungspraxen in der Schnittmenge von Armut und psychischer Krankheit. In Prekäre Lebenswelten im Prisma der Ernährung. Hrsg. Gunther Hirschfelder und Sarah Thanner, 51–68. Münster, New York: Waxmann.

Schad, Miriam. 2017. Über Luxus und Verzicht. München: oekom verlag.

Seifert, Manfred. 2009. Prekarisierung der Arbeits- und Lebenswelt – Kulturwissenschaftliche Reflexionen zu Karriere und Potenzial eines Interpretationsansatzes. In Prekär arbeiten, prekär leben. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf ein gesellschaftliches Phänomen. Arbeit und Alltag, Hrsg. Irene Götz und Barbara Lemberger, 31–53. Frankfurt am Main: Campus-Verlag.

Sutter, Ove. 2013. Erzählte Prekarität. Autobiographische Verhandlungen von Arbeit und Leben im Postfordismus. Frankfurt am Main: Campus Verlag.

Thanner, Sarah. 2019. Das Wechselspiel von Prekarität und Ernährung als Forschungsfeld – Zugänge, Perspektiven und Implikationen. In Prekäre Lebenswelten im Prisma der Ernährung. Hrsg. Gunther Hirschfelder und Sarah Thanner, 233–247. Münster, New York: Waxmann.

Winterberg, Lars. 2020. Fragile Ernährungskulturen im Spiegel der Corona-Pandemie. In Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft. X-Texte zu Kultur und Gesellschaft, Hrsg. Michael Volkmer und Karin Werner, 331–337. Bielefeld: transcript.

Zigon, Jarrett. 2012. Narratives. In A companion to moral anthropology. Wiley-Blackwell Companions to Anthropology, Hrsg. Didier Fassin, 204–220. Hoboken, New Jersey: Wiley-Blackwell.

Veröffentlicht
2021-09-16
Rubrik
Sektion Land-, Agrar- und Ernährungssoziologie: Prekäre Ernährung. Ein tabuisiertes Phänomen der Wohlstandsgesellschaft