Editorial

  • Sina Farzin

Abstract

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,
Haben Sie sich am Abend des 19. Juli auch gefragt, wo die Soziologie eigentlich ist, wenn man sie braucht? Einige Stunden nach der Verkündigung der Ergebnisse der letzten Runde der Exzellenzstrategie stellte sich zumindest für mich ein akuter Bedarf nach Deutungsangeboten ein. Denn während der sogenannte Exzellenzwettbewerb in seinen intendierten und vor allem nicht-intendierten Folgen für die Wissenschaft im Allgemeinen und die Soziologie im Besonderen in den vergangenen Jahren von allen möglichen Seiten beforscht, evaluiert und auch kritisiert wurde, scheint es in Bezug auf das Kommunikationsverhalten soeben exzellenzgekürter Institutionen sowie der zugehörigen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen kaum gesicherte Erkenntnisse zu geben. Das ist schade, denn eine Soziologie der sich selbst feiernden Wissenschaft scheint mir durchaus vielversprechend.
Vorbei sind zumindest die Zeiten, in denen es bei ähnlichen Anlässen reichte, dass die Pressestelle der Universität für den Lokalteil der Zeitung ein Foto bereitstellte, auf dem sich die Hochschulleitung im Halbkreis gruppiert mit Sekt zuprostet. Anlässlich des Titelgewinns (denn darum ging es ja) »Exzellenzuniversität« veröffentlichte beispielsweise die Universität Hamburg über ihren Twitter-Account ein animiertes Gif, in dem ein cartoonesk verfremdeter Präsident Dieter Lenzen Konfetti aus einem Umschlag regnen lässt. Auch die von Anna-Lena Scholz auf ZEIT Online vertretene These, dass gerade jene Standorte erfolgreich waren, an denen die Politik erkannt habe, dass Universitäten die Herzkammern der Stadt seien, lässt sich mit Blick auf die Jubeldokumentationen belegen. In Berlin etwa, das sich ja gerne als Partyhauptstadt inszeniert, verbreitete die Universitätsallianz ebenfalls über Twitter Videos der Exzellenzparty mit dem Hinweis, dass an den turntables Staatssekretär Steffen Krach anzutreffen sei. Und bevor man nun reflexhaft kulturpessimistisch-medienkritisch mit den Schultern zuckt und ›das Internet‹ in Pauschalverantwortung stellt, sollte man einen Blick auf die Facebook-Seite der ehrwürdigen WDR-Lokalzeit Bonn werfen. An der Universität Bonn überführte man die wohlverdiente Freude ebenfalls in lokal tradierte Ausdrucksformen und entschied, für alle rheinländischen natives vermutlich kaum begründungsbedürftig, einen aus zwei Karnevalswagen nebst Soundsystem bestehenden Exzellenzumzug zu veranstalten. Ob das Publikum statt mit Kamelle mit Büchern oder Antragskopien beworfen wurde, lässt sich auf dem kurzen Film leider nicht erkennen.
Schon diese wenigen Impressionen dürften einige Fragen, zumindest für die Wissenschaftskommunikationsforschung, aufwerfen. Wer sich dem Phänomen des wissenschaftlichen Gewinner- und Gewinnerinnenjubels aber lieber ganz praktisch und teilnehmend annähern möchte, findet dazu, vielleicht angeregt durch die Lektüre dieser Ausgabe der SOZIOLOGIE, schon bald Gelegenheit: Neben dem Themenpapier für den kommenden DGS-Kongress, der unter dem Titel Gesellschaft unter Spannung vom 14. bis 18. September 2020 in Berlin stattfinden wird, veröffentlichen wir in diesem Heft die Ausschreibungen der wissenschaftlichen Preise, die zu diesem Anlass verliehen werden. Und sollten Sie dann im September kommenden Jahres unter den Preisträgerinnen sein, werden wir Jubelvideos nur nach Absprache veröffentlichen ­ versprochen.

Herzlich, Ihre
Sina Farzin

Veröffentlicht
2019-11-01

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