Editorial

  • Sina Farzin

Abstract

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
die Arbeit in kollaborativen Verbünden und Gruppen stellt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor eine Vielzahl von Herausforderungen, die nur wenig mit den individuellen Forschungsfragen zu tun haben. Dass insbesondere die Steuerung der großen »Forschungstanker« einige Probleme mit sich bringen kann, ist keine neue Erkenntnis. Ein frühes Zeugnis der Tücken projektförmiger Forschung publizierte Apsley Cherry-Garrad 1922 in einem Reisebericht über eine Antarktis-Expedition, wobei der Text in Passagen durchaus auch dem damals noch nicht zu voller Blüte gereiften Genre des wissenschaftlichen Abschlussberichts zugeschlagen werden kann. Der wenig missverständliche Titel – The Worst Journey in the World – offenbart zwar noch Luft nach oben in Bezug auf die inzwischen üblichen Selbstbelobigungsrituale in derlei Texten, schreckt aber wie auch das gesamte Werk nicht vor der klaren Benennung von Fallstricken zurück. So können beispielsweise aufgrund der internen Organisationsstruktur ungünstige soziale Dynamiken entstehen (»Polar exploration is at once the cleanest and most isolated way of having a bad time which has been devised.«). Oder der intrinsisch motivierte Forschungsdrang wird schon im Vorfeld durch Fragen nach Anwendungsbezug und Verwertbarkeit der erwarteten Erkenntnisse ausgebremst (»… nearly all will say, ›What is the use?‹ For we are a nation of shopkeepers …«). Als Antwort auf den Umgang mit all diesen Fährnissen und Unwägbarkeiten empfiehlt Cherry-Garrad einen festen Blick auf das eigentliche Ziel: Erkenntnisgewinn um seiner selbst willen und konkret materialisiert im Gegenstand, den es zu erforschen gilt (»If you march your Winter Journeys you will have your reward, so long as all you want is a penguin’s egg«).
Die körperlichen Risiken, die Forscher und Forscherinnen in heutigen Sonderforschungsbereichen mit soziologischem Profil eingehen, sind zwar im Vergleich zu den frühen Tagen der Polarforschung überschaubarer. Viele andere der genannten Aspekte haben jedoch wenig an Aktualität eingebüßt oder sich sogar verschärft. Doch bevor wir uns in die Debatte um Praxistransfers und die ökonomische oder politische Nützlichkeit soziologischer Wissensproduktion verstricken, richten wir den Blick noch einmal auf das Pinguinei. Wie, so könnte die Frage lauten, muss ein funktionales Äquivalent beschaffen sein, welches dem Ei gleich das gemeinsame Arbeiten in Gruppen zumindest soweit fokussiert und motiviert, dass nicht alles unverbunden nebeneinander läuft? Zumal, anders als im Fall der Antarktis-Reisegesellschaft, Projektverbünde selbst in Berlin vermutlich nicht vollständig auf das Verstellen von Exitoptionen durch die lebensfeindliche Umwelt setzen können. Der Beitrag von Martina Löw und Hubert Knoblauch in diesem Heft ist ein Erfahrungsbericht aus dem inneren eines laufenden Forschungsverbundes, in dem diese Frage in etwas anderen Worten gestellt und mit Blick auf die eigene Praxis beantwortet wird. Er sei Ihnen wie das gesamte Heft zur Lektüre empfohlen.


Ich hoffe, Sie sind gut in 2020 angekommen, vielleicht sehen wir uns ja – zum Beispiel im September in Berlin. Es ist Kongressjahr und Sie finden in diesem Heft unter anderem die Calls für die geplanten Plenen, vielleicht ist ja etwas Passendes dabei.


Herzlich, Ihre
Sina Farzin

Veröffentlicht
2020-01-01

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