Soziologische Phantasie – heute: Die Welt zu Gast bei »Freunden«

  • Stephan Lessenich
Schlagworte: C. Wright Mills, soziologische Phantasie

Abstract

Der Beitrag würdigt, zu seinem hundertsten Geburtstag, den amerikanischen Soziologen C. Wright Mills – und dessen Eintreten für soziologische Phantasie. Darunter verstand Mills eine Soziologie, die die konstitutive Verbindung zwischen »privaten Schwierigkeiten« und »öffentlichen Problemen« herzustellen sucht. Soziologische Phantasie in diesem Sinne würde heute beispielsweise bedeuten, die gegenwärtig gesellschaftlich verbreitete Angst vor dem »Fremden« mit der Krise der herrschenden Vergesellschaftungsform in Verbindung zu bringen: Mit dem Ende der Wachstums-Wohlfahrts-Wirtschaftskraft-Erzählung der europäischen und amerikanischen Nachkriegszeit – und mit der dunklen Ahnung der Leute, dass unerwünschte Migrant*innen nur die Vorboten einer radikal veränderten gesellschaftlichen Zukunft sind.

 

The paper pays tribute, on occasion of his centenary, to American sociologist C. Wright Mills – and to his commitment to sociological imagination. For Mills, sociological imagination consisted in relating »personal troubles« to »public issues«. Today, an imaginative sociology sensu Mills would relate the widespread social fear of »strangers« to the crisis of the dominant mode of societal reproduction: It is rooted in the apparent end of the European and American narrative of economic power, growth, and welfare – and in people’s gloomy intuition that unwanted migrants are just the presage of a radically changed societal future.

Literaturhinweise

Brewer, J.D. 2004: Imagining The Sociological Imagination: the biographical context of a sociological classic. The British Journal of Sociology, 55. Jg., Heft 3, 317–333.
Bröckling, U. 2007: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Castel, R. 2000: Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz: UVK.
Decker, O. 2015: Narzisstische Plombe und sekundärer Autoritarismus. In O. Decker, J. Kiess, E. Brähler (Hg.), Rechtsextremismus der Mitte und sekundärer Autoritarismus. Gießen: Psychosozial-Verlag, 21–34.
Enzensberger, H.M. 1988: Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Mills, C.W. 2000: The Sociological Imagination. Oxford: Oxford University Press.
Mills, C.W. 2016: Soziologische Phantasie. Herausgegeben von S. Lessenich. Wiesbaden: Springer VS.
Schelsky, H. 1965: Die Bedeutung des Schichtungsbegriffs für die Analyse der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft. In H. Schelsky, Auf der Suche nach Wirklichkeit. Gesammelte Aufsätze. Düsseldorf: Diederichs, 331–336.
Simmel, G. 1992: Exkurs über den Fremden. In G. Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 764–771.
Veröffentlicht
2017-04-01

Am häufigsten gelesenen Artikel dieser/dieses Autor/in