Soziologie als Verschwörungstheorie?
Der manipulative Überhang an Fik¬tio¬nalität über die Faktizität in der allgemeinen Soziologie
Keywords:
VerschwörungsdenkenAbstract
In einem kürzlich erschienen Aufsatz in dieser Zeitschrift (Heft 3, 2024) diskutiert Georg Vobruba das Verhältnis von Soziologie und Verschwörungsdenken, um der Frage nach Ähnlichkeiten zwischen den beiden Narrativen nachzugehen. Vobruba kommt letztendlich zu dem Schluss, dass es zwischen diesen beiden Wissenstypen eine klare Unterscheidung gibt: Die Soziologie bietet relationale Erklärungen an, die auf empirischen Fakten basieren. Im Verschwörungsdenken hingegen wird alles auf die geheimen Machenschaften eines mächtigen Handlungszentrums zurückgeführt. Die Replik stellt Vobrubas These in Frage und kommt zu gegenteiligen Schlüssen. Unter Bezugnahme auf Argumente von Luc Boltanski und Karl R. Popper soll dargelegt werden, dass es auch in der modernen Soziologie Argumentationstypen gibt, die analog zu Verschwörungstheorien funktionieren. Die Soziologie reproduziert sogar, wie Popper meinte, Argumentationen, bei denen es sich um die »Säkularisierung eines religiösen Aberglaubens« handle. Dieser Zusammenhang soll anhand einiger Beispiele expliziert werden. Ich komme schließlich zu dem Schluss, dass sich im »postfaktischen Zeitalter« auch die Soziologie dem Risiko aussetzt, Fake news, Fiktionen und Verschwörungsszenarien in die Welt zu setzen, anstatt sie zu enttarnen.
In a text recently published in SOZIOLOGIE (no. 3, 2024) Georg Vobruba pursues the question of similarities between conspiracy thinking and sociology. Vobruba ultimately comes to the conclusion, that there is a clear distinction between these two types of knowledge. Sociology offers relational explanations based on empirical evidence, whereas in the conspiratorial worldview, everything is attributed to the intentions of a powerful center of action. Against Vobruba it is argued that his interpretation is misguided. My argumentation points in the opposite direction. Based on arguments of Luc Boltanski and Karl R. Popper, the present paper postulates that there are indeed similarities between conspiracy theories and sociological theories. Popper even believed, some sociological arguments are the secularized version of a religious belief (»the secularization of religious superstition«). To make this more concrete some examples are included in the paper. I finally come to the conclusion, that in the »post-truth era«, sociology also runs the risk of spreading fake news and conspiracy narratives.
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