Soziologie – Krise – Kritik

Zu einer kritischen Soziologie der Kritik

  • Stephan Lessenich

Abstract

In den vergangenen Jahren ist ein kritischer Impetus in die europäische Soziologie zurückgekehrt. Dies allerdings in zwei Varianten, so dass sich ein neuartiges Spannungsverhältnis zwischen »kritischer Soziologie« auf der einen und einer »Soziologie der Kritik« auf der anderen Seite entwickelt hat. Der Beitrag beleuchtet die Hintergründe dieser Spaltung und plädiert für ihre Überwindung. Eine kritische Soziologie der Kritik müsste demnach die Frage stellen, wie es kommt, dass die alltägliche Gesellschaftskritik der Leute nicht zu einer Veränderung der von ihnen kritisierten gesellschaftlichen Umstände führt. Soziologische Kritik kann sich nicht darauf beschränken, die sozialen Akteuren bei der Artikulation ihres Unbehagens an der Gegenwartsgesellschaft zu beobachten, sondern hat auch die Kritisierenden selber der Kritik auszusetzen – im Sinne einer Aufklärung des Sachverhalts, dass sie selbst eben jene Ordnung der Dinge reproduzieren oder gar koproduzieren, die sie zu Recht anklagen.

 

In recent years, critique has effectively made its way back into sociology throughout Europe. However, it has done so in two quite different ways, establishing a new academic division between »critical sociology«, on the one hand, and the »sociology of critique«, on the other. The paper tries to elucidate what this paradigmatic split is about, in order then to argue for overcoming the current clash of criticisms. A critical sociology of critique would have to ask the question of why it is that people’s everyday criticism laid open by the sociology of critique does not lead to a change in the things people do criticize. Sociological critique cannot restrict itself to give voice to people charging their society’s rules of domination, but in a sense it has to be critical of people themselves, making them aware of the fact that they effectively reproduce or even co-produce the very rules they rightly criticize.

Literaturhinweise

Adorno, Th. W. 1969: Einleitungsvortrag zum 16. Deutschen Soziologentag. In Theodor W. Adorno (Hg. im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Soziologie), Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft? Verhandlungen des 16. Deutschen Soziologentages vom 8. bis 11. April 1968 in Frankfurt am Main. Stuttgart: Enke, 12–26.
Boltanski, L., Chiapello, È. 2003: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK.
Boltanski, L. 2008: Individualismus ohne Freiheit. Ein pragmatischer Zugang zur Herrschaft. In WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 5. Jg., Heft 2, 133–149.
Boltanski, L. 2010: Soziologie und Sozialkritik. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2008. Berlin: Suhrkamp.
Dubet, F. 2008: Ungerechtigkeiten. Zum subjektiven Ungerechtigkeitsempfinden am Arbeitsplatz. Hamburg: Hamburger Edition.
Latour, B. 2007: Elend der Kritik. Vom Krieg um Fakten zu Dingen von Belang. Zürich, Berlin: diaphanes.
Offe, C. 2013: »Die plötzliche Implosion eines obsoleten Gesellschaftssystems ist ja eine Eventualität, die auch auf der anderen Seite des ehemaligen Eisernen Vorhangs keineswegs auszuschließen ist.« Claus Offe im Gespräch mit David Strecker. Zeitschrift für Politische Theorie, 4. Jg., Heft 2, 253–284.
Streeck, W., Thelen, K. 2005: Introduction: Institutional Change in Advanced Political Economies. In W. Streeck, K. Thelen (Hg.), Beyond Continuity. Institutional Change in Advanced Political Economies. Oxford: Oxford University Press, 1–39.
Stuckler, D., Basu, S. 2013: The Body Economic. Why Austerity Kills. Recessions, Budget Battles, and the Politics of Life and Death. New York: Basic Books.
Vobruba, G. 2009: Die Gesellschaft der Leute. Kritik und Gestaltung der sozialen Verhältnisse. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Vobruba, G. 2013: Soziologie und Kritik. Moderne Sozialwissenschaft und Kritik
der Gesellschaft. Soziologie, 42. Jg., Heft 2, 147–168.
van Dyk, S. 2012: Poststrukturalismus. Gesellschaft. Kritik. Über Potenziale, Probleme und Perspektiven. PROKLA – Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Heft 167, 185–210.
Wampole, C. 2012: How to Live Without Irony. The New York Times, 17. November 2012.
Weber, M. 1988 [1904]: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.
In M. Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Band 1, 9.
Auflage, Tübingen: J. C. B. Mohr, 17–206.
Veröffentlicht
2018-05-08