Grenzen der Sorge

  • Lisa Alexandra Henke Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Schlagworte: Care, Ökologie, Anthropozän, Philosophische Anthropologie

Abstract

Im Kontext des Narrativs einer neuen Epoche der Klima- und Erdgeschichte (Anthropozän) geht ein Wandel im Verständnis von Sorgebeziehungen hin zu einer dezidiert posthumanistischen Konfiguration einher, die Versuche beinhaltet, Sorge nicht mehr als intentionale menschliche Handlung, sondern als kollektiv sozio-materielle Praxis aufzufassen, die auch von mehr-als-menschlichen-Akteur/-innen ausgehen kann.

Trotz dieser nicht von der Hand zu weisenden Involvierung von u.a. Tieren, Artefakten und Technologien in Sorgepraktiken diskutiert der vorliegende Beitrag – unter Zuhilfenahme von Helmuth Plessners Konzept der exzentrischen Positionalität – die Grenzen der Sorge und trägt damit dazu bei, den Sorgebegriff in seiner (exzentrischen) Spezifik zu fassen. Mit Blick auf drei Dimensionen wird gezeigt, dass in der Sorge Grenzen primär realisiert und nicht aufgehoben werden: 1) Grenzen gegenüber dem Gegenstand der Sorge, 2) zeitliche Grenzen in der Tätigkeit des Sich-Sorgens sowie 3) Grenzen gegenüber diesem Gegenstands- und Zukunftsbezug selbst. Durch die terminologische und konzeptionelle Ausdifferenzierung des Sorgebegriffs wird es möglich, Krisenmomente, in denen sich Sorge im Verlust eines Gegenstands- und Zukunftsbezugs zeigt, dennoch als Formen der Sorge und nicht als bloße Abwesenheit von Sorge zu erschließen.

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Veröffentlicht
2021-09-24
Rubrik
Ad-hoc: Die ökologische Gesellschaft unter Spannung: Sorgediskurse im ‚Anthropozän‘