Editorial

  • Dirk Baecker
Schlagworte: Coronavirus, Pandemie

Abstract

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

im Nachhinein verblüfft, wie sehr das Gefühl zu Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 getäuscht hat, nun habe man endlich Zeit für zu lange liegen gebliebene Arbeiten. Nicht nur die Mütter und Väter unter uns wurden durch den Bedarf an Home Schooling ihrer Kinder schnell eines Besseren belehrt. Auch die Sorge um die Kranken, der Strom täglich neuer Nachrichten zu exponentiellen Entwicklungen, die Ungewissheit über den Charakter des Virus, seine Verbreitungswege und seine Wirkung auf das Immunsystem unserer Körper hielten uns in Atem. Ich fürchte, dass weder unsere Hobbies noch unsere Forschung von der verordneten Zeit der Kontaktarmut profitieren konnten. Überraschend schnell haben wir uns an das Format der Videokonferenz gewöhnt, um nicht nur den Lehrbetrieb, sondern auch den Gremienbetrieb aufrechtzuerhalten. Und auf kleinen und großen Tagungen die Chatfunktion zu entdecken und passende und unpassende Kommentare zu Vorträgen und Diskussion austauschen zu können, hatte auch seine vergnügliche Seite.
Ich erinnere an diese nun zu Ende gehende Zeit aus zwei Gründen. Erstens waren diese Monate eine gute Gelegenheit, auch in einem Fach, das es gewohnt ist, sich mit den kaum sichtbaren, aber tragenden Selbstverständlichkeiten des Alltags zu beschäftigen, einmal die eigenen Voraussetzungen in den Blick zu nehmen. Jo Reichertz beschäftigt sich im vorliegenden Heft eindringlich mit der Frage, wieviel physischer Kontakt zwischen Forschung und Gegenstand für einen bestimmten Typ soziologischer Forschung so unumgänglich ist, dass ganze Bereiche sozialen Handelns für die Forschung unsichtbar werden, wenn dieser physische Kontakt nicht gewährleistet ist. Und Bianca Prietl und Ursula Rami stellen fest, dass die physische Einbettung in Formen der Präsenz nahezu unverzichtbar ist, um sich im Austausch unter den Studierenden mit der Frage zu beschäftigen, was es heißt, Soziologie zu lernen. Am eigenen Leibe und unter den Blicken aller anderen gilt es, sich in die Unwahrscheinlichkeit einzuüben, die die Ausbildung zu einem enfant terrible bei aller Weltklugheit und Bescheidenheit (George C. Homans) nun einmal mit sich bringt. Warum schafft man das am Bildschirm allenfalls dann, wenn entscheidende Schritte in pandemiefreien Zeiten bereits unternommen werden können? Und was sind diese entscheidenden Schritte?
Zweitens wird sich die Soziologie auf absehbare Zeit von dem Großexperiment, das unter ihren Augen abgelaufen ist, nicht so leicht erholen. Noch nie war die funktionale Differenzierung und ihre pulsierende Beweglichkeit so augenfällig. Die Frequenz von Wirtschaft, Sport und Kultur wurde heruntergefahren, jene von Politik, Gesundheit und Massenmedien hochgefahren, um der Bedrohung durch die Pandemie Rechnung zu tragen. Wie lange kann man Ungleichgewichte dieser Art der Gesellschaft zumuten, ohne ihren Bestand zu gefährden? Wie schnell findet die Gesellschaft zu zivilisierten Formen des Umgangs, wenn der körperliche Abstand zum obersten Gebot wird? Welche Bruchlinien zeichnen sich ab zwischen Jungen und Alten? Wovon hängt es in den verschiedenen Regionen der Weltgesellschaft ab, ob eher dem Gebot, menschliches Leben nicht zu gefährden, oder dem Drang, den Normalbetrieb der Gesellschaft aufrechtzuerhalten, gefolgt wird? Welche Bilder machen wir uns von den Toten, die isoliert gestorben sind?
Arno Bammé erinnert im vorliegenden Heft an Rudolf Goldscheid und an eine Soziologie, die unbekümmert um Max Webers Gebot der Werturteilsfreiheit auf den ethischen Konsequenzen soziologischen Forschens beharrt. Stehen wir mit dem Abklingen der Pandemie vor ähnlichen Fragen? Ist es nicht nur höchste Zeit, dass die empirische Sozialforschung die Modelle der Epidemiologie mit vernünftigen Zahlen füttert, sondern auch mindestens ebenso dringlich, die Frage ins Zentrum der soziologischen Forschung zu rücken, wie diese Gesellschaft zu einer nachhaltigen Balance zwischen körperlichen Zuständen, psychischen Befindlichkeiten, sozialer Differenzierung und natürlichen Umwelten kommen kann?
Ich freue mich darauf, für den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie die Herausgabe des Forums SOZIOLOGIE für einige Zeit verantworten zu dürfen. Ich danke Sina Farzin für vier Jahre einer höchst erfolgreichen Arbeit. Wie immer bietet auch das vorliegende Heft ein getreues Abbild einer Disziplin, die sich nicht so leicht verführen lässt, noch nicht einmal zum Pathos. Ich wünsche uns allen, dass wir unserer Zeit gewachsen bleiben.
Mit herzlichen Grüßen
Dirk Baecker

PS: Zu danken ist im Übrigen Moritz Klenk, der angeregt hat, im Sinne der Sichtbarkeit von Person und Geschlecht die Vornamen der Autor:innen in den Quellenangaben unserer Artikel künftig auszuschreiben. Wir haben dies im vorliegenden Heft bereits umgesetzt.

Veröffentlicht
2022-08-05