Editorial

Autor/innen

  • Dirk Baecker

Abstract

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Cui bono? Diese Frage führt ohne Umweg auf verschwörungstheoretisches Gelände. Aber wie will man sie vermeiden, wenn man aktuelle Ent­wick­lungen einordnen will? Etwas »einzuordnen« ist nicht zufällig ein Lieb­lings­aus­druck irritierter Diskurse. Wir haben es gesellschaftlich mit der Koin­zi­denz zweier Entwicklungen zu tun, die Welten auseinander zu liegen schei­nen und einander doch bestens in die Hände spielen. Während Maschinen­lern­­mo­delle immer raffinierter darin werden, in unstrukturierten Daten­räu­men Mus­ter aller Art zu erkennen, sorgen politische Entwicklungen dafür, dass bewährte institutionelle Strukturen schneller abgebaut werden, als Be­ob­­ach­ter, die mit diesen Strukturen groß geworden sind, es für möglich ge­hal­ten hät­ten. Wir leben in einem Zeitalter der Disruption. Faschistische Ten­­den­zen produzieren ein Chaos, von dem Datenmodelle profitieren, die mit kei­ner Ordnung rechnen.

Sicherlich ist das übertrieben. Aber wenn man Faschismus mit völ­ki­schen Tendenzen gleichsetzt und den Angriff auf ordentliche Ver­wal­tungs­ver­­fahren, den Rechtsstaat und die Menschenrechte beim Wort nimmt, lan­det man bei einer Gesellschaft, die nur noch ein Volk, eine Elite und scharfe Gren­zen nach innen und außen kennt. Jener umfangreiche institutionelle Apparat, der lokale und globale Belange in raffiniert ausgeglichenen Hierar­chien miteinander abgleicht, wird abgebaut und durch eine Konfrontation er­setzt, die nur die Sprache der Stärke versteht.

Es geht jedoch nur um den Datenschutz. Seine Aufhebung ist das Ziel aller Machenschaften. Vor dem Rechner seien alle Daten gleich! Politik und Ge­schäft, Unterhaltung und Gesundheit dienen der Erprobung eines Algo­rith­mus, der keine administrativen und juristischen Schranken mehr duldet (ob­wohl diese in einem n-dimensionalen Vektorraum mathematisch wohl kaum weiter auffallen). Der nationalistische Gedanke dient nur dem Abbau der internationalen Ordnung. An ihre Stelle tritt die Weltbevölkerung als Spiel­ball von Datenmodellen.

Niklas Luhmann hat einmal die These formuliert, man könne die Werte der modernen Gesellschaft als ein »Verbindungsmedium« beschreiben, das als »hochmobile Gesichtspunktmenge« (Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 409 und 342) jeden denkbaren Punkt der Gesellschaft mit jedem anderen ver­bindet, aber allenfalls »durch Unterstellung« wirkt. Daten sind für diese Idee ein zweiter Fall. Auch sie sind eine hochmobile Gesichtspunktmenge, die eben­falls durch Unterstellung, wenn auch nicht normativ, so doch kognitiv wirkt. Werte blockieren das Lernen, Daten befördern es. Aber was ist das für ein Lernen?

Eine solche ›List der Vernunft‹ wird man wohl kaum für möglich halten. Aber ist die Disruption, mit der der Faschismus den Datenmodellen ent­ge­gen­­kommt, möglicherweise nichts anderes als eine weitere Welle der ›Mo­der­­nisierung‹, dieses Mal zwecks Abbau nicht mehr der Stände, sondern einer »alt gewordenen« (Luhmann) funktionalen Differenzierung? Dient das Chaos, das zunächst jeder Rücksicht auf den Planeten spottet, einem Reset, mit dessen Hilfe das gesellschaftliche Überleben der Menschheit auf diesem Pla­neten neu durchgerechnet werden kann? Geht es nur darum, im Ver­trau­en auf neue Techniken der Komplexitätsbewältigung alle bisherigen Vor­lie­ben auf den Prüfstand legen zu können?

Die aktuelle Beobachtung gesellschaftlicher Entwicklungen gibt keinen Anlass zu Optimismus. Und doch verblüfft die Parallelität gesellschaftlicher Schließung zu neuen alten Bünden (ital. fascio, das Bündel) auf der einen Seite und technologischer Öffnung zu einer umfassenden Konnektivität phy­si­scher und symbolischer Daten auf der anderen Seite. Inmitten größter Wis­sen­schaftsfeindlichkeit gibt es immer mehr zu wissen. Mit welchen ›Ka­ta­stro­phen‹ (Wechsel in den Modalitäten einer Systemreproduktion) rechnet welche Art von wissenschaftlicher ›Wahrheit‹?

Die Zeiten sind düster. Aber ihre Beobachtung nimmt uns niemand ab.

Mit herzlichen Grüßen

Dirk Baecker

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Veröffentlicht

2026-04-08

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