Editorial

  • Sina Farzin

Abstract

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,
im Januar dieses Jahres ist Erik Olin Wright verstorben. Sein Sterben hat der einflussreiche Soziologe in einem eigenen Blog begleitet. Im Tonfall einer stets heiteren Sachlichkeit kommentiert er den Alltag im Krankenhaus, die Herausforderungen der Therapie, die Begegnungen mit Freunden, Freundinnen und Familienangehörigen und immer wieder auch die eigene soziologische Arbeit. Wright, dessen Werke zur Erweiterung des marxistischen Klassenkonzepts, zu sozialen Bewegungen und ›realen Utopien‹ nicht nur in den USA breit rezipiert wurden, richtet den Blick weg von Fragen der methodischen oder theoretischen Ausrichtung hin zu den sozialen Wirkungen soziologischer Praxis. Gerade die Grenzstellung der Soziologie zwischen ›harter‹ erklärender Wissenschaft und künstlerischer Kreativität verschafft ihm, so scheint es, die nötige gedankliche Bewegungsfreiheit um soziologisch informierte und kontrollierte Möglichkeitsräume auszuloten.
»So, scientists make discoveries; artists, at their best, create new worlds. What about sociologists? I’ll open a can of worms: I think what is wonderful about sociology is the messy way it does both. We make discoveries about the world, reveal how it ›really works‹ as best we can. But we also invent new ways of thinking about the world that shape the way people make meaning in their lives and act in their social world. […] In sociology there is thus a dance between a science of how things work and sociology of the creative possibility: possibility disciplined by a demand for specification of mechanisms.« [1 ]
Manche würden diese Selbstbeschreibung Wrights vermutlich aus verschiedenen Gründen ablehnen: als zu einseitig politisiert, zu normativ, zu unwissenschaftlich oder auch zu stark verengt auf die klare Benennung von ›Mechanismen‹. Die Liste der Einwände ließe sich fortsetzen, und sie sind es zweifelsohne Wert, diskutiert zu werden. Dass aber jenseits interner Auseinandersetzungen um Paradigmen, Methoden oder Theorie/Empirie Verhältnisse auch ein Blick auf die eigene Praxis des Soziologisierens, die sozialen Wirkungen der Wissensproduktion und ihre Einbettung nicht nur in disziplinäre sondern auch interdisziplinäre, institutionelle, politische und vielfältige andere Kontexte lohnen könnte, wäre als mögliche Akzentverschiebung vielleicht ein Ausweg aus einigen festgefahrenen aktuellen Debatten. Thomas Scheffer und Robert Schmidt zumindest formulieren einen solchen Vorschlag in ihrem Beitrag in diesem Heft, in dem sie die Diskussion um das Selbstverständnis der Soziologie als plurale Disziplin aus den vergangenen Heften aufgreifen und fortsetzen.


Herzlich, Ihre
Sina Farzin

Literaturhinweise

[1] Eintrag am 11. September 2018 auf Erik Olin Wrights CaringBridge Site, www.caringbridge.org/visit/erikolinwright/journal/index/0/0/asc, letzter Aufruf 16. Februar 2019.
Veröffentlicht
2019-04-01