Editorial

  • Georg Vobruba

Abstract

»Wie erschrak die Gouvernante, als sie die Gefahr erkannte. ... [1]

 

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

eigentlich wollte ich dieses Mal darüber schreiben, wie sich die Bundesbildungsministerin zu dem allgemeinen Unmut über die Umsetzung des Bologna-Prozesses positioniert hat. Vor allem wollte ich Erwägungen zu jenem Fortschrittsbegriff anstellen, vor dessen Hintergrund die studentischen Proteste Frau Schavan als »gestrig« erscheinen.

Aber in Wahlzeiten ist das Verfassen von Editorials mit direktem politischem Bezug eine riskante Angelegenheit. Man schreibt vor der Wahl, das Heft erscheint nach der Wahl. Und, wer weiß, vielleicht ändert sich dazwischen der Fortschrittsbegriff.

Also etwas anderes. Die Krise. Wir brauchen Initiativen zur soziologischen Krisenforschung. Ich rede nicht von Kriseninterventionstexten. Rasch gemachte Bände, in denen – wahlweise – die Robustheit des Kapitalismus gefeiert oder seine Hinfälligkeit beschworen wird, gibt es jetzt schon genug. Solche Interventionstexte sind leicht verderbliche Waren. Ist die Krise vorbei, ist auch ihre Aktualität weg. Es liegt darum in der Natur der Sache, dass solche Texte rasch rauskommen müssen. Und das sieht man ihnen dann meist auch an.

Aber wenn auch die Krise geht, die Krisenerfahrung bleibt. Was ist eigentlich passiert?

Die Soziologie sollte genau beobachten und rekonstruieren, wie die Krise beobachtet und interpretiert wurde. Es kann uns nicht (mehr) nur um die Frage gehen, mit welchen früheren Krisen (1929? 1873?) die gegenwärtige zu vergleichen wäre, sondern auch, mit welchen früheren Krisenerfahrungen sie in den letzten zwei Jahren in praxisnahen Orientierungsdiskursen verglichen wird. Zur möglichst präzisen Beschreibung halte ich es für hilfreich, unterschiedliche Stränge in der Krisenentwicklung zu unterscheiden. Man kann dies wohl auch als Krisenverläufe in unterschiedlichen Institutionen, Feldern, Subsystemen konzipieren. Dann kann man Synchronizität und Asynchronizität dieser Verläufe zueinander in Beziehung setzen und untersuchen, welche Konstellationen als Krisenbeschleuniger und welche als Krisenbremsen wirken. Man kann bei dieser Frage vermutlich sinnvoll auf die vergleichende Forschung zu »Sozialmodellen« aufbauen. Kombiniert man die Frage nach Krisenbeschleunigern/Krisenbremsen und die Frage nach Kriseninterpretation in öffentlichen Diskursen, so kommt man zu Untersuchungen der Interaktion zwischen Krisenverlauf und Krisenrhetorik. Dazu noch zwei knappe Beobachtungen.

Erstens. Es war Weihnachten 2008, die Krise war in aller Munde – und der Konsum wollte und wollte nicht einbrechen! Beinahe vorwurfsvoll konstatierte das Wirtschaftsfeuilleton, die Leute würden ja  konsumieren, als gäb’s kein Morgen. Ein Fall von Krisenentwicklung ohne breites Krisenbewusstsein. Zweitens. Wir haben das Schlimmste wohl hinter uns, heißt es nun (Ende des Sommers 2009). Allerdings mit dem gewaltigen Schönheitsfehler, dass der Anstieg der Arbeitslosigkeit erst so richtig los geht. Nehmen wir – durchaus theoretisch plausibilisierbar – an, dass die Börse ökonomische Entwicklungen antizipiert, während der Arbeitsmarkt sie nachvollzieht. Wenn sich der öffentliche Krisendiskurs an der Börsenentwicklung orientiert, könnte es sein, dass zeitgleich mit steigender Arbeitslosigkeit das allgemeine Krisenbewusstsein abflaut. Ein ganz anderer Fall von Krisenentwicklung ohne Krisenbewusstsein.

An beiden Fällen kann man sehen: Unterschiedliche Krisenentwicklungen verlaufen asynchron, Krisendiskurse folgen noch einmal einer eigenen Logik und eigensinnigen Sequenzen. Daraus ergeben sich, wie ich vermute, interessante Anschlussfragen.

Ihr

Georg Vobruba

 

 

PS.: Bitte beachten Sie die Ausschreibung auf Seite 449.

 

[1] ... Ängstlich ruft sie: Oh mon dieu! C’est un homme, fermez les yeux!«

Zitat aus Wilhelm Busch, Tobias Knopp. Teil 1: Abenteuer eines Junggesellen. In ders., Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Band 2, hrsgg. von Friedrich Bohne, Hamburg: Standard-Verlag 1959, S. 41. Zur Entwicklung der Bedeutungen des französischen Verbums »gouverner« zwischen machtgeleiteter und moralgeleiteter Steuerung und Selbststeuerung vgl. Michel Foucault, Geschichte der Gouvernementalität, Band 1: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Frankfurt a. M: Suhrkamp 2004, S. 181 ff.

Veröffentlicht
2016-08-17

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