Editorial

Authors

  • Dirk Baecker

Abstract

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

man darf bezweifeln, ob sich die Situation der Soziologie seit den 1980er Jahren nennenswert verändert hat, in denen Niklas Luhmann den Mangel an einer facheinheitlichen Theo­rie bedauert hat. Vermutlich sind inzwischen alle Soziolog:innen, die an die Möglichkeit einer einheitlichen Theorie glau­ben, in der Akademie für Soziologie versammelt, während die Deutsche Ge­sell­schaft für Soziologie die Heimat derer ist, die unter diesem Mangel nicht leiden, son­­dern ihn vielleicht sogar begrüßen. Pluralität als Ausweis einer kom­ple­xen Welt, sagen die einen; mangelnde Fähigkeit, Redundanz zu erkennen und zu beschreiben, sagen die anderen.

Jüngst machte ein Forschungsansatz auf sich aufmerksam, der die Kar­ten ein weiteres Mal neu zu mischen verspricht, die sogenannte Netz­werk­öko­logie. Hier wird versucht, woran man kaum noch zu glauben wagte, näm­lich eine Integration von Netzwerkanalyse, Netzwerktheorie und Sys­tem­­theorie unter Einschluss, auch das noch, der Evolutionstheorie. Malte Döhne, Daniel A. McFarland und James Moody haben 2024 in der Zeit­schrift Social Networks ein Schwerpunktheft herausgegeben, das diese Ten­denz eindrucksvoll dokumentiert. Andere sprechen schon seit den 1980er Jah­ren von einer »post-normal science« und meinen damit eine Wis­sen­schaft, die sich mit komplexen Phänomenen der Selbstorganisation be­schäf­tigt, die weder mit den Mitteln einer Ursache/Wirkungs-Forschung noch mit statistischen Methoden verstanden und beschrieben werden können.

Neuen Aufschwung erhält dieser Ansatz aus dem Rückgriff auf einen noch älteren Gedanken. In den 1960er Jahren hat Herbert A. Simon eine »Ar­chitektur der Komplexität« beschrieben, in der eine »Hierarchie« in­ein­an­­der verschachtelter Systeme, eine sogenannte Inklusionshierarchie, eine ent­­scheidende Rolle spielt. Damit waren schon häufiger Überlegungen ver­bun­den, die verschiedenen Ebenen der Selbstorganisation von Atomen, Mo­­lekülen, Zellen, Prokaryoten, Eukaryoten, Organismen, Bewusstsein und Ge­sellschaft als hierarchisch geordnete Ebenen der Emergenz immer wieder neuer Formen von »Natur« zu verstehen. Auf diesen beruhigenden Ge­dan­ken einer wohlgeordneten Hierarchie verzichtet die Netzwerkökologie. Sie setzt den Gedanken der Hierarchie nicht zwischen, sondern innerhalb der Sys­teme ein und unterscheidet mindestens drei Systemebenen: Mikro­di­ver­sität auf der untersten Ebene, selektive Strukturen auf der mittleren Ebe­ne und so etwas wie ein Plan, ein Zweck oder auch variable Werte auf der ober­sten Ebene. Man denke auch an Talcott Parsons’ »kybernetische Hier­archie« einer Verschaltung von Information und Energie, die immer noch ihrer theo­retischen ­Auslegung harrt. In der Netzwerkökologie werden diesen Ebe­­nen keine festen Struk­turen, sondern zeitliche Dynamiken zugeordnet, so dass man hohe Fre­quenzen von systemerhaltenden Ereignissen auf der un­tersten, mittlere Fre­quenzen auf der mittleren und niedrige Frequenzen auf der obersten Ebe­ne unterscheiden kann. Und schon Simon ent­schul­dig­te sich: »I am sorry that high ›frequencies‹ correspond to low ›levels‹, but it can’t be helped.«

Zwischen diesen Ebenen hat man es mit den üblichen evolutionären Pro­zessen zu tun und das System insgesamt befindet sich in einer laufenden, na­türlich nicht-linearen Auseinandersetzung mit seiner Umwelt, insoweit sich diese auf allen drei Ebenen je unterschiedlich darstellt. Die Rück­kopp­lun­gen zwischen den drei Ebenen können als Streit um die Bewertung un­terschiedlicher Umweltwahrnehmungen verstanden werden; und an diesem Streit setzen Gedächtnisleistungen an.

Ich unterstreiche diesen Gedanken einer Netzwerkökologie, weil das Kon­zept einer Hierarchie von Systemebenen zwar dem modernen Theo­rie­ge­schmack zuwiderläuft, aber jedes Potential hat, empirische und theo­re­ti­sche, strukturelle und kulturelle, mikro-, meso- und makrosoziologische As­pek­te der soziologischen Forschung zu integrieren. Der einzige Haken an der Sache ist, dass man sich auf die Idee einer Selbstorganisation komplexer Phä­nomene einlassen muss. Denn dass Atome, Moleküle, Zellen, Orga­nis­men, Gehirne, Bewusstsein und Gesellschaft »über sich« mehr wissen, als ein Beobachter erkennen kann, fällt immer noch schwer zu akzeptieren.

Mit herzlichen Grüßen

Dirk Baecker

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Published

2026-01-09

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