Editorial
Abstract
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Cui bono? Diese Frage führt ohne Umweg auf verschwörungstheoretisches Gelände. Aber wie will man sie vermeiden, wenn man aktuelle Entwicklungen einordnen will? Etwas »einzuordnen« ist nicht zufällig ein Lieblingsausdruck irritierter Diskurse. Wir haben es gesellschaftlich mit der Koinzidenz zweier Entwicklungen zu tun, die Welten auseinander zu liegen scheinen und einander doch bestens in die Hände spielen. Während Maschinenlernmodelle immer raffinierter darin werden, in unstrukturierten Datenräumen Muster aller Art zu erkennen, sorgen politische Entwicklungen dafür, dass bewährte institutionelle Strukturen schneller abgebaut werden, als Beobachter, die mit diesen Strukturen groß geworden sind, es für möglich gehalten hätten. Wir leben in einem Zeitalter der Disruption. Faschistische Tendenzen produzieren ein Chaos, von dem Datenmodelle profitieren, die mit keiner Ordnung rechnen.
Sicherlich ist das übertrieben. Aber wenn man Faschismus mit völkischen Tendenzen gleichsetzt und den Angriff auf ordentliche Verwaltungsverfahren, den Rechtsstaat und die Menschenrechte beim Wort nimmt, landet man bei einer Gesellschaft, die nur noch ein Volk, eine Elite und scharfe Grenzen nach innen und außen kennt. Jener umfangreiche institutionelle Apparat, der lokale und globale Belange in raffiniert ausgeglichenen Hierarchien miteinander abgleicht, wird abgebaut und durch eine Konfrontation ersetzt, die nur die Sprache der Stärke versteht.
Es geht jedoch nur um den Datenschutz. Seine Aufhebung ist das Ziel aller Machenschaften. Vor dem Rechner seien alle Daten gleich! Politik und Geschäft, Unterhaltung und Gesundheit dienen der Erprobung eines Algorithmus, der keine administrativen und juristischen Schranken mehr duldet (obwohl diese in einem n-dimensionalen Vektorraum mathematisch wohl kaum weiter auffallen). Der nationalistische Gedanke dient nur dem Abbau der internationalen Ordnung. An ihre Stelle tritt die Weltbevölkerung als Spielball von Datenmodellen.
Niklas Luhmann hat einmal die These formuliert, man könne die Werte der modernen Gesellschaft als ein »Verbindungsmedium« beschreiben, das als »hochmobile Gesichtspunktmenge« (Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 409 und 342) jeden denkbaren Punkt der Gesellschaft mit jedem anderen verbindet, aber allenfalls »durch Unterstellung« wirkt. Daten sind für diese Idee ein zweiter Fall. Auch sie sind eine hochmobile Gesichtspunktmenge, die ebenfalls durch Unterstellung, wenn auch nicht normativ, so doch kognitiv wirkt. Werte blockieren das Lernen, Daten befördern es. Aber was ist das für ein Lernen?
Eine solche ›List der Vernunft‹ wird man wohl kaum für möglich halten. Aber ist die Disruption, mit der der Faschismus den Datenmodellen entgegenkommt, möglicherweise nichts anderes als eine weitere Welle der ›Modernisierung‹, dieses Mal zwecks Abbau nicht mehr der Stände, sondern einer »alt gewordenen« (Luhmann) funktionalen Differenzierung? Dient das Chaos, das zunächst jeder Rücksicht auf den Planeten spottet, einem Reset, mit dessen Hilfe das gesellschaftliche Überleben der Menschheit auf diesem Planeten neu durchgerechnet werden kann? Geht es nur darum, im Vertrauen auf neue Techniken der Komplexitätsbewältigung alle bisherigen Vorlieben auf den Prüfstand legen zu können?
Die aktuelle Beobachtung gesellschaftlicher Entwicklungen gibt keinen Anlass zu Optimismus. Und doch verblüfft die Parallelität gesellschaftlicher Schließung zu neuen alten Bünden (ital. fascio, das Bündel) auf der einen Seite und technologischer Öffnung zu einer umfassenden Konnektivität physischer und symbolischer Daten auf der anderen Seite. Inmitten größter Wissenschaftsfeindlichkeit gibt es immer mehr zu wissen. Mit welchen ›Katastrophen‹ (Wechsel in den Modalitäten einer Systemreproduktion) rechnet welche Art von wissenschaftlicher ›Wahrheit‹?
Die Zeiten sind düster. Aber ihre Beobachtung nimmt uns niemand ab.
Mit herzlichen Grüßen
Dirk Baecker